Ausser sich

Liliane Studer über Ausser sich von Ursula Fricker

Ursula Frickers dritter Roman Ausser sich wurde 2012 von einer namhaften Jury auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis gesetzt und damit als einer der fünf besten Prosatexte des Jahres ausgezeichnet. Mitte November reichte es dann zwar nicht für den ersten Platz – den Schweizer Buchpreis 2012 bekam Peter von Matt für Das Kalb vor der Gotthardpost –, doch besteht kein Zweifel, dass Ursula Fricker mit Ausser sich ein Roman geglückt ist, der ein breites Publikum erreicht und dem Buchhandel Umsatz brachte und weiterhin bringt, denn er eignet sich für ganz viele verschiedene Leserinnengruppen – und genau das soll der Schweizer Buchpreis auch bewirken, Bücher ins Gespräch bringen, damit sie gekauft werden. Die Geschichte dürfte mittlerweile bekannt sein: Katja und Sebastian sind seit Längerem ein Paar, alles läuft in geregelten Bahnen, man arbeitet erfolgreich als Architektin/Architekt, man hat seinen Bekanntenkreis, erlebt kleinere und größere Freuden, es gibt auch ab und zu mal Streit, und die Kinderfrage scheint abgehakt, ist es aber nicht. An einem Samstag im Sommer fahren Katja und Sebastian zu einer befreundeten Familie nach Mecklenburg, man kennt sich von früher, gemeinsame WG-Zeit und so, trotzdem hält sich die Freude auf den Besuch in Grenzen. Auf der Fahrt erleidet Sebastian einen Schlaganfall – und nichts ist mehr, wie es einmal war. Zwar überlebt er, aber auch wenn die Frage nicht ausdrücklich gestellt wird, steht sie im Raum: Wäre es nicht besser gewesen, er wäre sofort gestorben? Doch einen solchen Satz sagt niemand laut. Katja stellt sich der Herausforderung, sie stellt ihr Leben um.
Was sie sich nie hätte vorstellen können, wird Alltag: Sebastian bestimmt ihr Leben. Nach einiger Zeit, als für Sebastian ein Platz in einem Pflegeheim gefunden ist, nimmt sie zwar ihre Berufsarbeit wieder auf, aber sie beschränkt sich auf kleinere Projekte, die grossen würden ihre Kräfte übersteigen. Dass Sebastian ein völlig anderer Mensch geworden ist, insbesondere ein Mensch, mit dem kein Gespräch, keine Nähe möglich ist, von dem keine Reaktion kommt, der in einer anderen Welt zu sein scheint, die mit jener von Katja in keiner Verbindung steht – all dies zu sehen und zu verstehen, erfordert von Katja außergewöhnliche Kräfte. Und dabei helfen ihr die Erinnerungen an früher, an all die Tage und Stunden, wo es anders war. Katja holt sie hervor, damit sie ihr nicht auch noch verloren gehen, nachdem Sebastian bereits alles verloren hat.
Kein Zweifel, Ursula Fricker legt einen einfühlsamen, subtilen und leisen Roman vor, der behutsam mit Themen wie Krankheit, lebensverlängernde Massnahmen, Aufopferung, Paarbeziehung umgeht. Es gelingt ihr, dass trotz der traurigen Grundthematik die Trauer beim Lesen nicht überhand nimmt. Und das ist vielleicht auch die Schwachstelle dieses Textes: Er bleibt letztlich «schön», er tut nicht weh, er zwingt beim Lesen nicht, die Ausweglosigkeit wirklich zu spüren, zu schreien, das Buch zuzuklappen und in eine Ecke zu werfen, weil es doch nicht so sein kann. Vielleicht wollte Ursula Fricker nicht einen solchen Text schreiben, gut möglich, trotzdem hätte ich mir da und dort einen Stachel gewünscht, einen Widerspruch, etwas, das nicht aufgeht. Und zwar sowohl in der Beziehung von Katja und Sebastian vor dem Schlaganfall – und vielleicht noch mehr danach.

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