Aufhören!
Christa Baumberger über «Das Schweigen der Agenda» von Isolde Schaad
In den Titel habe ich mich sofort verliebt: «Das Schweigen der Agenda». Wer wünscht sich nicht eine Agenda voller weisser leerer Seiten? Blanke Tage ohne Termine, freie Zeit im Überfluss. Auch der Untertitel des neuen Erzählbandes von Isolde Schaad ist vielversprechend: «Geschichten vom Innehalten und Aufhören». Doch Moment! Evoziert die Autorin damit ihr eigenes Verstummen? Sie, die seit mehr als fünfzig Jahren als Schriftstellerin und Journalistin wortstark die Stimme erhebt und mit spitzer Feder, Esprit und Humor die Schweizer Gesellschaft in all ihren Facetten mit dem Brennglas bearbeitet. Politisiert wurde Isolde Schaad 1968 als Studentin an der Universität Zürich. Die kunstgeschichtlichen Seminare waren zum Gähnen, das Treiben im Lichthof elektrisierte sie dafür umso mehr. Die Idee einer anderen, gleichgestellteren und gerechteren Welt habe sie sogleich infiziert. Das betonte sie bei einem Gespräch, das ich 2001 als junge Kulturjournalistin für eine Schweizer Zeitung mit ihr führen durfte, und sie wiederholt es 22 Jahre später, als wir im September 2023 an der Buchvernissage das einst begonnene Gespräch auf der Bühne des überfüllten Literaturhaus Zürich wieder aufnehmen. Ihre grundsätzlichen Überzeugungen sind bis heute dieselben.
Als Feministin der ersten Stunde engagierte sich Isolde Schaad in der Frauenbewegung und war unter anderem Mitbegründerin der Frauenberatungsstelle. Als Reporterin unternahm sie mehrere Recherchereisen nach Afrika und in den Nahen und Mittleren Osten, und als Journalistin, Kritikerin und Essayistin seziert sie seit den 1970er Jahren unermüdlich, pointiert und polemisch gesellschaftliche Rituale. Die Ergebnisse ihrer Recherchen kann man in Büchern wie KüsschenTschüss (1989), Body & Sofa (1994) oder Mein Text so blau (1997) nachlesen. Spätestens seit den 1980er-Jahren gehört sie fest zur Schweizer Literatur. 2001 erschien ihr erster Roman Keiner wars. Der Titel deutet auf einen Krimi hin, und im Verlauf der Geschichte kommt tatsächlich viel Verborgenes ans Tageslicht. Es ist ein Zeitbild der Zürcher 68er-Bewegung und ihrer Nachkommen, ein Roman mit kriminalistischen und erotischen Einsprengseln.
Eine «gesellschaftskritische Verhaltensforscherin» sei sie. Die Selbstbezeichnung passt, denn wie ihr damaliger Reporterkollege Niklaus Meienberg (1940-1993) scheute sie weder Tabubrüche noch absehbare Konflikte. Ihm ist sie auch punkto sprachlicher Brillanz ebenbürtig. Den grössten Skandal verursachte ihr Reportageband Know-how am Kilimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten von Schweizern in Ostafrika (Limmat 1984). Es ist eine pointierte Abrechnung mit der damaligen Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. In den letzten zwanzig Jahren hat sie sich der Fiktion zugewandt, und ihre Erzählungen sind ebenso unterhaltsame wie sprachlich brillante Verhaltensstudien. Man findet sie gesammelt in den Bänden Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete (Limmat 2014) und Giacometti hinkt (Limmat 2019). Der neuste Band Das Schweigen der Agenda (Limmat 2023) enthält sechs Erzählungen und dazwischen kurze Einträge aus dem «Grossen Duden. Neudeutsche Fassung». Sie kommen als nüchterne Lexikonartikel daher, doch unter Stichworten wie «Frau», «Mann» oder «Kind» brodelt die Satire: Isolde Schaad nimmt darin genüsslich aktuelle Genderdebatten und Phänomene der Sozialen Medien wie die «Hypermama» aufs Korn. Das erste Wort des Buches lautet «Aufhören!». Das ist eine klare Ansage, der programmatische Imperativ sagt, worum sich das ganze Buch dreht: ums Älterwerden und die eigene Endlichkeit, um die sogenannt letzten Dinge und um alternde Autorinnen und Künstlerinnen und ihre skandalöse Tilgung aus der öffentlichen Wahrnehmung. Aufhören ist der schwerste Anfang, lautet eine grundlegende Erkenntnis. Es gelingt längstens nicht allen, am wenigsten den sogenannt weissen alten Männern. Stars wie Mick Jagger oder Bob Dylan können nicht aufhören, andere spinnen die eigene Legende im Kopf weiter. Etwa der Autor Philip Roth in der Erzählung «Der Tag danach». Kaum hört er auf mit Schreiben, beschwört er obsessiv alle einstigen weiblichen Ermöglicherinnen herauf: verflossene Liebschaften, Musen, kurz, sämtliche Frauen, die sein Werk mit ihrer verschwiegenen Mitarbeit ermöglichten und sein Leben mit ihrer Präsenz verschönerten. Ein Geisterreigen weiblicher Willfährigkeit und ein ironischer Abgesang auf das männliche Künstlergenie. In «Verfehlte Anklage» geht es am Beispiel von Sophie Taeuber und Jean Arp um Künstlerpaare und die bis heute brisante Frage, weshalb meist das Werk des Mannes überlebt, während die Frau nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Doch klagt Isolde Schaad nicht an, sondern sie erfindet kurzerhand ein MeToo-Komitee, das sich die historische Avantgarde vorknöpft. So nimmt die Geschichte eine überraschend neue Wendung. Um weibliche Rollenbilder, Mutter-Tochter-Beziehungen und das Verhältnis von Frausein und Mutterschaft geht es in der Titelerzählung «Das Schweigen der Agenda». Beim Kramen in der Hinterlassenschaft der verstorbenen Mutter kommt die Tochter einem Lebensgeheimnis auf die Spur. Doch gelingt es ihr nicht, das Geheimnis zu lüften. Offenheit ist das grundlegende Erzählprinzip dieser und aller Erzählungen. Die Texte überzeugen gerade deshalb, weil kein moralisches Urteil gefällt wird. Die Figuren bleiben ambivalent, sie dürfen ihr Geheimnis wahren. Anders als in früheren Büchern ist der Grundton in diesem Band getragen, er ist ruhiger und nachdenklicher als sonst, abwägend. Besonders deutlich ist dies bei den Texten, die Rückschau halten. Die zeitliche Distanz mildert ab, was im ersten Moment in grellen Tönen leuchtete. So hätte die Erzählung «Der letzte Kameltreiber» das Potenzial zu einer giftigen Analyse des Medienbetriebs. Doch geht es Isolde Schaad nicht darum, den journalistischen Betrugsfall von Tom Kummer, der vor einigen Jahren grosse Wellen warf, noch einmal aufzurollen. Sondern sie nimmt ihn zum Anlass, um die Stimmung in der damaligen verschworenen Journalistengemeinschaft zu evozieren. Eine Aufbruchstimmung, die man in der heutigen Medienlandschaft vergeblich sucht. Isolde Schaad ist längst nicht mehr Journalistin, sondern Schriftstellerin. Die Lust am Erzählen hat sie über alle Jahrzehnte bewahrt, auch wenn der Aufbruch nun im Wissen um die eigene Endlichkeit geschieht.