Am Fluss, im Fluss. Franz Hohler wandert von Schaffhausen zum Tumasee

Klaus Hübner über Rheinaufwärts von Franz Hohler

Es sind nur zwei Sätze: «Auf dem Fernsehmonitor im Postauto erfahre ich nach der Nachricht, Putin werde heute Nachmittag zum Gespräch mit Biden in Genf eintreffen, dass der Mensch das einzige Säugetier ist, das scharfes Essen mag. Vielleicht ist es ganz gut, sich bei einem Gipfeltreffen daran zu erinnern, dass der Mensch ein Säugetier ist». Eine Alltagsbeobachtung und eine überraschende, gleichwohl sofort einleuchtende Gedankenkombination, die den Menschen mit Emphase in den Mittelpunkt rückt. Die Sätze finden sich in den neuen Notaten von Franz Hohler, einem der menschenfreundlichsten Schriftsteller unserer Zeit. Hohler ist ein subtiler, manchmal auch ironischer Deuter unserer Gegenwart und schafft es immer wieder, Personen und Dinge anders als üblich zu beleuchten und sie uns ganz neu sehen zu lassen. Auch in Rheinaufwärts, seinem jüngsten Buch.

Zunächst einmal: Respekt! Da geht der weit über die Schweiz hinaus bekannte Kabarettist, Musiker, Dialektdichter, Lyriker und Erzähler, der einstige «Mann mit dem Cello», im zarten Alter von fast achtzig Jahren zu Fuss und mitten in der Pandemie-Zeit rheinaufwärts, einfach so. «Das Leben hat seinen gewohnten Gang nach dem Stillstand noch nicht wieder aufgenommen, die Seuchengefahr liegt wie ein Generalverdacht in der Luft». Die Fussreise wird naturgemäss mehrfach unterbrochen, immer wieder benützt der Wanderer auch den Bus oder die Bahn und findet dort Freundlichkeit, Komfort und Pünktlichkeit – was es heute wohl nur noch in der Schweiz gibt. Selbstverständlich ist er gut ausgerüstet und vernetzt, und selbstverständlich gönnt er sich altersgemässe Pausen und Jausen. Dennoch: Respekt! Vom Mai 2020 bis zum September 2022 sind die Notizen datiert, in denen der Autor seine Rheinwanderung und das, was ihm dabei durch den Kopf ging, in angenehm lesbarer, stets präziser und geschliffener Prosa festhält. Sprachlich ein Genuss. Und ausserdem: Auch wenn die Schattenseiten dieser Welt keineswegs verschwiegen werden – Rheinaufwärts ist, alles in allem, ein Heiterkeit, Zuversicht und Gottvertrauen ausstrahlendes Werk.

Da der Schreibende ein weit gereister und historisch interessierter Mensch ist, erfährt man nicht nur Interessantes über die Ostschweiz der letzten hundert Jahre, sondern wird, meist fast unmerklich, übers Heimatkundliche im engeren Sinn hinausgeführt – etwa wenn der Rhein plötzlich so breit wird, «dass er mich an den Jenissej in Sibirien erinnert, an dem ich vor ein paar Jahren stand», oder wenn der Autor im März 2022 von russischen Luftangriffen auf Odessa liest, wo er «vor drei Jahren die Eröffnungsansprache des Literaturfestivals» hielt. Der einsame Wanderer bleibt immer in Kontakt mit der Welt, und seine Erinnerungen an frühere Zeiten begleiten ihn überall, auch und gerade am berühmten Rheinfall. Mit dem Schiff geht’s nach Gottlieben, wo er «sofort wieder historisch umarmt und belehrt» wird, zu Fuss geht’s weiter zum Rheinspitz und nach St. Margarethen. Dann die Landesgrenze entlang, Vorarlberg und Liechtenstein – einmal verpasst er den Grenzübergang: «Vielleicht war es der kleine Fels auf der Strasse? Ich denke an all die grausamen Grenzen, die ich schon gesehen habe, die Grenze zur DDR mit ihren Wachtürmen, die Berliner Mauer, die Mauer zwischen Israel und Palästina, den verminten Grenzzaun zwischen Nord- und Südkorea, und freue mich über die Grenze zwischen der Schweiz und Liechtenstein, die als solche überhaupt nicht zu erkennen ist».

Bad Ragaz und Landquart liegen auf dem Weg, Chur und leider auch Flims: «Ich hatte die Wärme eines alten Dorfes erwartet und traf auf die Kälte einer alpinen Stadt». Das Vorderrheintal hinaufsteigend gelangt der unverdrossene Fussgänger nach Tavanasa, wo er sich dank Arno Camenischs Buch Der Schatten über dem Dorf sofort heimisch fühlt, und taucht ein in die ihm wenig vertraute surselvische Kultur und Sprache. Schliesslich die Schlussetappe, hinauf zum Oberalppass und zum Laj da Tuma. Ein mühsamer Weg! Der Autor hält nahezu alles fest, was ihm begegnet: Campingplätze und Mückenschwärme, lärmige Autobahnbrücken und anrührende Vogelrufe, hässliche Flussverbauungen und ungestüme Wasserfluten. Das Kloster von Disentis beschreibt er als «eine Mischung aus Kaserne, Erziehungsanstalt und Fabrik, einer Fabrik, die Katholiken herstellt». Er vergisst nicht den Hauptmann Grüninger von der St. Galler Kantonspolizei, der im Zweiten Weltkrieg jüdischen Flüchtlingen aus dem «Reich» in die Schweiz geholfen hat, deswegen aus dem Dienst entlassen und erst sehr spät rehabilitiert wurde. Ganz sanft bespöttelt er den «Zwergbunker» neben der Grenzbrücke zu Liechtenstein, «der hier tapfer seit Kriegsende ausharrt, um die Schweiz zu verteidigen, sollte sich ein Feind vom Fürstentum her anschleichen» – an augenzwinkerndem und dabei durchaus ernst gemeintem Spott hat es Franz Hohler bekanntlich noch nie gefehlt. Auch nicht an Selbstironie: «In Valendas steigt ausser mir noch eine Gruppe älterer Männer in Wanderausrüstung aus. ‚Älter‘ heisst, wie mir immer beim Schreiben wieder auffällt, dass die meisten jünger sind als ich». Die Grauzone zwischen gestern und heute, zwischen dem Erwartbaren und dem Zufall, dem Alltäglichen und dem Unwahrscheinlichen wird poetisch vermessen. Der Rhein selber, manchmal nur schwer zu finden, erscheint mal als mächtiger Strom und dann gleich wieder als vom Menschen gezähmtes, harmloses Rinnsal – ein Sinnbild für das Leben wie für das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Natur. «Der Rhein aber fliesst weiter, ihn kümmert kein Menschenleben und -sterben, seine Hingabe gilt der Schwerkraft, seine Freude ist das Gefälle, sein Ziel ist das Meer …». Ganz oben, an der Rheinquelle, erreicht den nimmermüden Wanderer «von weither» ein selten gewordenes Wort: Andacht. «Ich gehe zum See hinunter, knie am Ufer nieder, streichle mit der Hand seine Oberfläche und wünsche dem Wasser eine gute Reise».

Mehr als einmal besinnt sich der Erzähler darauf, wie man allen Verirrungen des Zeitgeists zum Trotz so etwas wie glücklich werden kann. «Bei sich selber bleiben, den Kontakt mit den eigenen Wünschen nicht verlieren, nicht verlernen, sich am Einfachen zu freuen». Die Lektüre von Rheinaufwärts trägt zweifelsfrei genau dazu bei. Mit diesem Buch hat Franz Hohler, der gerade auch Neues für Kinder ab drei Jahren veröffentlicht hat, sich selbst und vor allem seinem nicht gerade unbeträchtlichen Lesepublikum ein wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht.

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