«Ich weiß, aber trotzdem.»

Ruth Gantert über «immeer» von Henriette Vásárhelyi

«Aber warum bist du denn hier, wenn du nicht einmal weißt, ob es hier schön ist?»

«Hier» ist auf der Insel Elba, und die Angesprochene heisst Eva Blach. Die junge Frau ist an der Ostsee aufgewachsen, lebt in Berlin und macht zu Anfang des Buches Urlaub am Mittelmeer mit ihrem Freund Monn. Sonnenbaden, schwimmen, zum Aperitif und zum Essen ausgehen, schlafen – was könnte daran nicht schön sein? Doch etwas stimmt nicht. Die eingangs zitierte Frage stellt eine Fliege, die Eva überallhin begleitet und mit der sie sich unterhält. Die Ich-Erzählerin spricht nicht nur mit Tieren, sie taucht auch immer wieder ab in Träume und Erinnerungen. Die entsprechenden Passagen heben sich mit einer anderen Schrift von der Erzählung der Gegenwart ab. Das Mittelmeer vor Eva wird in ihren Gedanken zur Ostsee, wo sie mit Jan aufwuchs, ihrem Freund aus der Kinderzeit. Zu Jan und Eva gesellt sich später Heiner als Dritter im Bunde, der jedoch bald zu viel Platz einnimmt, und Eva ihren Jan streitig macht. Besonders ein Bild von Jan kehrt obsessiv wieder:

«Jan schwimmt mit großen Zügen aufs Meer hinaus. Er dreht sich auf den Rücken. Er hebt den Kopf und winkt mir umständlich zu. Ich sehe ihm nach.»

Schnell wird klar, dass Eva einem Toten nachsieht. Jan ist an Krebs gestorben, an einem Hirntumor, der sich schon früh bemerkbar machte und immer wieder nachwuchs, bis keine Operation mehr helfen konnte. Die Ostsee wurde zu Jans Grab; in sie verstreute man seine Asche.

Dem Auftakt in Italien folgt eine lange Rückblende in Berlin, der Stadt, in der Eva mit Jan und Heiner die Wohnung teilte. Trotz oder wegen Jans Krankheit stürzen sich die drei in alle Exzesse der Grossstadtjugend: Zigaretten, Alkohol, Drogen, Musik, Sex. Heiner verkauft Drogen und seinen Körper, Jan lebt von Sozialgeld, Eva arbeitet als ungelernte Hilfskraft in einem Hotel. Mit einem Verrat an Heiner lädt Eva Schuld auf sich, worunter ihre Beziehung zu beiden Männern leidet. Nach Jans Tod gleitet Eva in einen schwebenden Zustand zwischen Luzidität und Wahnsinn, den ein kurzer, unvollständiger Satz perfekt benennt: «Ich weiß, aber trotzdem.» Eva weiss, dass Jan tot ist, trotzdem ruft sie ihn mehrmals auf seinem Handy an und lernt so Monn kennen, der Jans Telefonvertrag übernommen hat. Eva weiss, dass sie die Wohnung räumen und Jans Sachen weggeben muss, trotzdem nimmt sie die schon in Kartons gepackten Gegenstände immer wieder hervor und stellt sie an ihren Platz zurück. Als ihr Verhalten immer seltsamer wird, bringt Monn Eva in eine Klinik. Nach einem Besuch an der Ostsee lässt Eva endlich zu, dass die Wohnung geräumt wird und willigt ein, mit Monn auf die Insel Elba zu fahren.
So führt der lange Mittelteil wieder zurück zur Ausgangssituation und dem italienischen Strandleben. Kommt hier eine Lebenskrise zu ihrem Abschluss? Wird es nun besser, wie der nach vorne schauende Monn hoffnungsvoll meint? – Der Roman findet ein unerwartetes und doch schlüssiges Ende.

Immeer ist ein Buch über Tod und Trauer. Es gelingt der Autorin mit starken Bildern und einer eigenständigen Sprache, sämtliche Klippen, die bei diesem Thema drohen zu umschiffen: Weder der Verstorbene noch Evas Beziehung zu ihm werden idealisiert. Über den modernpsychologischen Jargon der «Phasen der Trauer» oder Begriffe wie «Lebensqualität» kann Eva nur lachen. Tatsächlich ist das Buch trotz der schweren Thematik auch humorvoll, zum Beispiel wenn die «Verrückte» ihre Mitinsassen der psychiatrischen Klinik beschreibt, oder wenn sie alle besorgten Blicke, die sich auf sie richten, sehr wohl registriert und eisern versucht, den Anschein von Normalität zu wahren. Auch und gerade in ihrer «psychischen Ausnahmesituation», wie sie ironisch sagt, beobachtet die Erzählerin genau. Ihre nüchternen Kommentare treffen ins Schwarze; Selbstmitleid ist ihr fremd.
Wie sich in Evas Leben Wirklichkeit und Traum, Gegenwart und Vergangenheit vermischen, so kombiniert der Text Zitate, Dialoge, Berichte und Beobachtungen zu einem rhythmischen Ganzen. Poetische Bilder treffen auf prosaische Sätze, Verse aus modernen Liedtexten fügen sich in die Erzählung ein.
Bei aller zeitgenössischen Verortung hat der Roman eine mythologische Dimension. Die Präsenz der Fliegen lässt ein wenig an Sartres Aufnahme des Orest-Stoffes in Les Mouches denken. Mehr noch gleicht die Erzählerin der Figur des Orpheus. Wie er weigert sie sich, den Verlust der geliebten Person anzunehmen. Wie er steigt sie in die Unterwelt hinab, und wie er kann sie nicht anders, als zurückzuschauen. Der Romanerstling der 36-jährigen Autorin überzeugt und berührt als moderner Orpheus-Gesang.

«Man kann doch nicht mit Tieren sprechen. Das macht man nicht. Daran will ich mich halten. Aber sie fragen mich jetzt manchmal etwas.

Sie fragen nach Jan. Und ich will Jan nicht vergessen. Ich will ihnen nichts erzählen. Aber Jan nicht vergessen und sie fragen, worauf ich antworten will. Wenn ich aufhöre zu antworten, werde ich beginnen, Jan zu vergessen. Die Zeit legt sich über die alte Zeit, wandert weiter und alles schreitet fort, aber ich will nicht mit.»

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