immeer

Von: Henriette Vásárhelyi

Eva macht Ferien auf der Insel Elba mit ihrem Freund Monn. Doch die Freuden des italienischen Strandlebens erreichen sie kaum. Die Ich-Erzählerin spricht mit Tieren, taucht immer wieder ab in Träume und Erinnerungen. Eva denkt an Jan, ihren Geliebten, der an einem Hirntumor gestorben ist. Seit Jans Tod schwebt Eva zwischen Luzidität und Verrücktheit. Wie sich in Evas Leben Wirklichkeit und Traum, Gegenwart und Vergangenheit vermischen, so kombiniert der Text Zitate, Dialoge, Berichte und Beobachtungen zu einem rhythmischen Ganzen. Der für den Schweizer Buchpreis 2013 nominierte Romanerstling der 36-jährigen Autorin überzeugt und berührt als moderner Orpheus-Gesang. (rg)

immeer
«Eva! Setz dich auf und zieh die Knie an und schau dich um! An den Unmengen nackter Körper vorbei auf das Meer! Sie hindurch durch die Lücken zwischen den kleinen Booten! Und dahinten das Kreuzfahrtschiff am Horizont! » Ich nicke und frage die Fliege: «Es ist doch schön hier, oder?» Sie fliegt dicht an mein Ohr und flüstert hinein: «Aber warum bist du hier, wenn du nicht einmal weißt, ob es hier schön ist?» Ich antworte, ich sage: «Sieh dich doch mal um! Sieh doch auf das Wasser – dort hinten, wo die Hitze das Meer benebelt, die Linie des Horizonts verwischt. Das kann ich nicht übersehen.» Eine Wolke schiebt sich von der toskanischen Küste unter dem Himmel hindurch und steht über der Bucht Barbarossa. Ich ziehe mir meinT-Shirt über. «Komm! Komm, steh auf!», sage ich zu Monn. «Lass uns gehen. Es wird gleich regnen.» Monn rollt sich auf den Rücken, schiebt sich langsam die Sonnenbrille in die Stirn, kneift die Augen zusammen und fragt: «Was?» Ich schaue ihn an, werfe das Handtuch zurückauf die Matte und lächle: «Nichts.» «Ist dir kalt?», fragt Monn. «Nein. Warum?» «Weil du dich angezogen hast.» Ich lächle immer noch hinunter zu ihm, hebe die Arme, schaue mich nach allen Seiten um und pelle mich wieder aus dem T-Shirt. (Henriette Vásárhelyi, _immeer_)

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