«I can't breathe»

Beat Mazenauer über «Verzauberte Vorbestimmung» von Jonas Lüscher

«I can't breathe», ich kann nicht atmen, wurde 2020 zum Slogan der «Black Lives Matter»-Bewegung. Unter dem harten Zugriff eines Polizisten bekam George Floyd keine Luft mehr – und verstarb. Floyd wurde damit zum Symbol, als zeitgleich schwer erkrankte Corona-Patient:innen still und leise um Atem rangen. Unter ihnen war auch der Autor Jonas Lüscher. Er lag sieben Wochen im Koma auf der Intensivstation und überlebte nur dank einer «künstlichen Lunge», an die er wie ein «Cyborg» angeschlossen gewesen sei. Diese persönliche Erfahrung der existentiellen Atemnot wird zum Dreh- und Angelpunkt für seinen Roman Verzauberte Vorbestimmung. Der Technikskeptiker ist beschämt ob seiner Abhängigkeit von einer technischen Apparatur. Diese geradezu «prometheische Scham» (wie der Philosoph Günther Anders sie 1956 nannte) wird für ihn zum Anlass, um dem ambivalenten Verhältnis von Mensch und Maschine genauer nachzuspüren. Jonas Lüschers Ich-Erzähler begibt sich auf eine Reise in drei Welten und drei Epochen, auf welcher er, wie einst Dante von Vergil, vom Schriftsteller Peter Weiss (1916-1985) begleitet wird. Die Analogie zur Divina Commedia ist nicht ganz zufällig. Weiss befasste sich in den 1960er-Jahren intensiv mit Dantes Werk und deutete es für sich neu. Demnach leben in der Hölle die Täter, doch frei von Qualen, als wäre nichts geschehen. Der Himmel gehört den Opfern, die keine Ruhe finden, weil sie sich ewig schuldig fühlen dafür, dass sie davongekommen sind. Dazwischen aber läge das Purgatorium des Zweifels, in Weiss' Worten: «die Welt, in der wir leben, wo wir nicht genau wissen, wie wir uns entscheiden sollen, auf welcher Seite wir stehen sollen – diese absolut unentschiedene Situation».
In einem «Schwebezustand», wie er schreibt, hat auch Jonas Lüscher die Corona-Erkrankung überlebt. In Verzauberte Vorbestimmung verarbeitet er sie, indem er die Erzählrealität mit «Geträumtem und Halluziniertem» überblendet.

Der Roman setzt 1915 im Ersten Weltkrieg ein. Der junge Algerier F. gerät an der Ypern-Front ins Giftgas. «Ana akhtaneh», ich ersticke, rufen er und seine Gefährten.

Dann ein einzelner klarer Gedanke: Nicht mit ihm. Nicht Teil dieser Maschinerie sein. Nicht mehr rennen, nicht mehr feuern, nicht mehr töten, nicht mehr kämpfen.
Einer musste damit aufhören.

F. entkommt der Atemnot durch eine schnelle Flucht. Seine Vision, dass die Kriege auf einmal aufhören würden, bestätigt sich zwar nicht, «aber möglich wäre es vielleicht». Fünfzig Jahren später erzählt er, inzwischen Briefträger, einer jungen Kellnerin in einem Café in Lyon davon. Sie wiederum berichtet ihm von ihrer Begegnung mit einem Schriftsteller bei sich zuhause in Hauterives. Dieser Peter Weiss habe dort 1960 den «großen Traum des Briefträgers Cheval» besucht, ein skurriles steinernes Gesamtkunstwerk. Dabei habe er ihr in einer regnerischen Nacht auf der Bank der Busstation konfuse Dinge aus seinem Leben erzählt.

Auf den Spuren von Weiss macht sich im Frühjahr 2022 auch der Ich-Erzähler nach Südfrankreich auf, um Chevals verschnörkelten steinernen Traum zu sehen. Doch er wird enttäuscht, der «Palais idéal» kommt ihm ebenso grandios wie lächerlich vor, wie der surreale Traum eines Kleinbürgers. Trotz ungleicher Ansichten über Chevals Werk verbinden Weiss und den Erzähler existentielle und künstlerische Zweifel, die sie darin erkennen. Der Erzähler findet in Weiss' Aufzeichnungen Vertrautes vor: «Zwänge, Ängste, Unzulänglichkeiten, aber auch Überzeugungen, Wünsche und Hoffnungen». In seiner Auseinandersetzung mit Weiss stösst er auch auf ein Ölbild, Die Maschinen greifen die Menschheit an, das Weiss 1935 auf der Flucht vor den Nazis im böhmischen Varnsdorf gemalt hatte. Die darauf festgehaltene Vermischung von romantischer Technikskepsis mit persönlicher Mythologie spricht den Erzähler an, sodass er selbst nach Varnsdorf reist. Das Städtchen, das einst ein Zentrum der Textilindustrie war, empfängt ihn im Frühjahr 2023 mit trister Provinzialität. Hier gipfelte zwei Jahrhunderte früher der Protest gegen die neuen Textfabriken in einem ludditischen Maschinensturm. Als der Erzähler sein Domizil bezieht, glaubt er noch immer einen feinen Brandgeruch in der Luft wahrzunehmen – und wird unvermittelt hineingezogen in den damaligen Weberaufstand.

Ich hörte Schritte aus der Gasse und verbarg mich rasch hinter einem ausgebrannten Snackautomaten. (…) Schwere Schritte. Sie entfernten sich ein Stück. Ich wagte einen Blick über den Hof, sah den breiten Rücken eines Mannes, die Haare fielen über den Kragen eines groben Tuchmantels, sah ihn gerade noch die Tür, zu der die Blutspur führte, öffnen und im Schuppen die Tür hinter sich schließend, verschwinden.

Hinter der Tür besprechen die Aufständischen ihre Aktion, die schliesslich eine Fabrik in Flammen aufgehen lässt. Lüschers Erzähler wird zum Zeugen, der das historische Geschehen mit teilnehmender Anschaulichkeit akribisch schildert. Dabei erkennt er auch, wie einem der Aufständischen – der einzige, der schreiben kann – Zweifel kommen, ob das Festhalten am althergebrachten Handwerk das technisch Neue abwehren kann und verhindern, dass Maschinen Menschen ersetzen. Der Umbruch im frühen 19. Jahrhundert wirft seinen langen Schatten voraus auf die Gegenwart.

Welten und Themen überlagern und durchdringen einander, die geografische Reise wird zur Zeitreise. Jonas Lüscher stützt sich dabei auch auf historische Quellen, aus denen er zitiert, um die Zitate umgehend in Erzählung zu verwandeln. Er verknüpft so narrative Kettfäden mit motivischen Schussfäden zu einer soliden Textur und schmückt sie mit feinen Zierfäden aus, wie beispielsweise der Figur einer Italienerin, die zwei Mal auftaucht und den Erzähler in Hauterives vor Chevals Palast ablichtet und später in der Tempelanlage von Karnak in Ägypten.

Eine Hauptquelle für den Roman bildet das Kopenhagener Journal von Peter Weiss, in dem dieser 1960 festhielt, wie er sich als Künstler und als Mensch am Scheideweg wähnte, kurz bevor er mit Abschied von den Eltern ein Jahr später erste Berühmtheit erlangte. Der mit sich und seiner Kunst hadernde Weiss ist ein guter Führer für Jonas Lüscher, der sich nach überstandener Corona-Atemlosigkeit ebenfalls auf unsicherem Terrain bewegt und fürchtet, «die Gewissheit, ich sei wach, sei vielleicht doch wieder nur ein Traum, also ein Traum vom Aufwachen im Traum». Ein Buchstabe bloss trennt den Traum vom Trauma.

Schliesslich fliegt der Erzähler im dritten Teil des Romans in eine ganz andere Welt, nach Kairo «auf der Suche nach der Zukunft, die ich dort zu finden fürchtete». Östlich der Hauptstadt besucht er die postmodernistische «Pharao City». Alles an dieser Planstadt ist so gigantisch wie steril. Der Erzähler gelangt in ein Fegefeuer der leeren Versprechungen, eine von Wüste umgebene Kunstlandschaft, die ihm «wie eine Illusion» vorkommt und durch die er sich unwillkürlich wie ein Alien bewegt. Nur eine junge Frau, Tari, belebt als Archivarin das riesige, stillgelegte Opernhaus. Dieser fiktiven Figur folgt der Erzähler. Abends pendelt sie nach Kairo, um in einer Bar als Comedian aufzutreten. Hier begegnet sie der geheimnisvollen, androiden Kate, die vor allem durch ihr Lachen auffällt:

Es ist eine Frage des Timings. Eine minimale zeitliche Verschiebung. Tari begreift, dass sie nicht über den Comedian lacht. Es ist, als lache sie mit dem Publikum, es ist das Lachen des Publikums, das sie lachen lässt.

Die feine Zeitverschiebung verrät die KI, die ihre Gefühlsäusserung immer erst berechnen muss. Doch Tari fühlt sich zu ihr hingezogen, und Kate zieht mit ihr ins Opernhaus in Pharao City. Mit den beiden nimmt Jonas Lüscher ein vorher schon anklingendes Thema wieder auf: die Liebe und das Lachen. Vielleicht steckt darin, trotz allem, ein widerständiges Potenzial gegen die Selbstzweifel ebenso wie gegen die Herrschaft der Technik.

Verzauberte Vorbestimmung ist ein vielgestaltiges, aufgerautes, zuweilen sprunghaftes Romangebilde voller Andeutungen und Querverweise, das sich nicht leicht erschliesst. Sprachlich dicht und mitunter in komplexen Satzgebilden verwebt Lüscher Roadnovel, historische Reminiszenz, Technikskepsis und Selbstreflexion ineinander. Nach der irrlichternden, satirischen Novelle Frühling der Barbaren (2013) und dem im Bodenlosen verankerten Roman Kraft (2017) steigert er die narrative Unruhe hier nochmals. Seine Prosa mäandert zwischen Biographie, Recherche und wildem Fabulieren. Bei aller formalen und motivischen Vielfalt bleibt der existentielle Kern dabei stets spürbar. Lüscher reizt seine Corona-Erkrankung allerdings nicht aus, sondern bewahrt stets erzählerische Souveränität. Darin liegt die Kraft dieses Buches.

«Das Lachen würde mir bald vergehen», erahnt der Erzähler gegen Ende. Während er die beiden ungleichen Liebenden im Hotelzimmer über sich weiss, setzt er sich mit einer Tüte voller handgewobener Schals vom lokalen Markt neben seinen Schatten, den Schriftsteller Weiss. Sie teilen miteinander die Selbstzweifel und das Ringen um die eigene Kunst. 1971 notierte Weiss in seinem Notizbuch: «Dieses In-Gegensätzen-Denken – angefressen von der Zweifel-Krankheit (…) immer wird Gegensätzliches von mir verlangt, das ist meine Triebkraft, die all meine Arbeit erzeugt». Eine solche Triebkraft macht auch Verzauberte Vorbestimmung eindrücklich spürbar.

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