Zwei sich kreuzende Parallelwelten
Beat Mazenauer über Die Unvergleichlichen von Daniel Suter
Was wir Familiengeschichte nennen, ist eine Optik zurück in die Vergangenheit. Wir haben zwei Elternteile, die wiederum je Vater und Mutter haben, und so weiter. Das mutet logisch und folgerichtig an. Im Zentrum stehen wir selbst. Umkehr der Perspektive. Als zehnjähriges Mädchen zieht Paula Ahrons mit ihren Eltern 1899 von Berlin nach Zürich, wo sie eine neue Heimat finden muss. Zu gleicher Zeit wohnt ein anderes Mädchen, die um drei Jahre jüngere Jenny Gass, wohl behütet auf dem Basler Bruderholz. Nichts deutet in jenem Jahr darauf hin, dass sich ihre beiden Lebenslinien fast fünfzig Jahre später im gemeinsam Enkel kreuzen würden. Wie sonderbar zufällig mutet die Geschichte aus diesem Blickwinkel an.
Der ehemalige TA-Redaktor und Autor Daniel Suter hat sich auf seine zwei unvergleichlichen Grossmütter besonnen, um ihre Leben in einem «Parallelroman» zu erzählen. In chronologischer Ordnung und abwechselnd aus Paulas und Jennys Perspektive entfaltet er ein Panorama der Jahre von 1899 bis 1943, in dem sich Glück und Leid, persönliche und politische Krisen spiegeln.
Beide Frauen haben ein gutes Leben, auch wenn es das Schicksal ungleich mit ihnen gemeint hat. Paulas Vater will in Zürich ein eigenes Reklameunternehmen aufbauen, das freilich bald falliert. Der von ihm bestärkte Traum seiner Tochter, Ökonomie zu studieren, fällt nach wenigen Semestern dahin, weil Paula für den Familienunterhalt verdienen muss. Sie arbeitet unter anderem im Sekretariat des Filmproduzenten Lazar Wechsler und findet Aufnahme in der kommunistischen Partei. Auch in Basel beschreitet Jenny neue Wege. Als eine der ersten Frauen fährt die Bankierstochter ein Automobil. Sie wächst im grossbürgerlichen Milieu auf und heiratet bereits mit 19 den Seidenbandunternehmer Rudolf Frygermut, mit dem sie drei Kinder hat. In Zürich geht auch Paula die Ehe mit dem um sieben Jahre jüngeren Christian Seiler ein, mit dem sie zwei Söhne hat. Beide Ehen werden geschieden.
Wechselweise im Zwei- bis Dreijahresrhythmus rückt Daniel Suter jeweils ein Ereignis aus dem Leben der beiden genauer ins Licht. Oft sind es eher marginale Begebenheiten, in denen sich die politische Unruhe und die persönlichen Krisen konzentrieren. Paula bringt ihre Familie alleine durch, sie engagiert sich in der KP und zahlt dafür ihren Preis. Auch Jenny hat trotz ihres Wohlstands Tiefschläge zu verkraften. Dem Seidenbandgewerbe droht der Niedergang, was den psychischen Zusammenbruch ihres Mannes fördert. So wie Jenny zuweilen wegen ihrer Tochter Katharina die Zweifel beschleichen, so sorgt sich auch Paula um ihren Ältesten Jan. Doch genau die beiden sind dafür besorgt, dass sich Paula und Jenny an einem Sonntag 1943 zu einem gemeinsamen Essen treffen.
Daniel Suter spannt in seinem Roman einen grossen Bogen. Paula ist zehn, als sie an einem verschneiten April-Tag im fremden Zürich ankommt. Jenny ist zwölf, als sie sich vorstellt, dass sie eigentlich Jenny Ochs heissen würde, hätte der Sohn des Basler Revolutionärs Peter Ochs nicht den Namen Gass angenommen. Manchmal nur andeutungsweise, manchmal als Handlungsträger lässt Suter viel historisches Personal auftreten. Ihren Milieus gemäss entwickeln die beiden Frauen eine völlig gegensätzliche Wahrnehmung bezüglich der ökonomischen und politischen Krisen. Während Jenny 1936 in München ohne Arg eine lustige Landpartie ins Dachauer Moos unternimmt und sich am Gesang einer Lerche erfreut, erschrickt Paula über den Aufnahmen des Münchner Räterevolutionärs Erich Mühsam, der gebrochen und gedemütigt 1934 als einer der ersten von den Nazis ermordet wurde. Diese Kluft verleiht dem Roman seinen Reiz. Am Ende gelingt es Jenny mit ihrem bourgeoisen Beziehungsnetz eine jüdische Schauspielerin vor der Deportation zu retten, während das linke Beziehungsnetz Paula zum Verhängnis wird. Wegen verbotener politischer Betätigung wird sie 1941 von der Bundesanwaltschaft befragt und sieben Tage einbehalten. Dieses Kapitel, eine Demütigung für die bescheidene, mittlerweile 52-jährige Frau, steht für die Stärken dieses Buch. Die Befragung mutet aus heutiger Sicht geradezu peinlich an:
«Draussen ist Krieg, der schlimmste Krieg aller Zeiten, und dieser Polizist hier schreibt jeden Franken auf, den sie für die Partei eingezogen hat. Wie erbärmlich klein die Beträge sind. Ist das alles, was von der einst so stolzen Partei übrig geblieben ist?»
In Kapiteln wie diesem finden Stil, Emotion und Zeitkolorit zu einer anschaulichen Einheit. Suters Roman liest sich hier am bewegendsten, wo er nahe bei seinen Protagonistinnen bleibt und den historischen Kontext durch ihren Blick einfängt. Das gilt unter anderen Vorzeichen ebenso für das berührende Kapitel, in dem das Sterben von Jennys Sohn Freddy geschildert wird. So unvergleichlich ihre Lebensoptiken sind, Paula wie Jenny zeigen sich als willensstarke und tatkräftige Frauen, die sich in ganz unterschiedlichen sozialen Umfelder behaupten und ihre weniger krisenresistenten Männer vergessen machen. Die zweite Buchhälfte lebt davon.
Den beiden Frauen als Mädchen dagegen fehlt diese Kraft und Statur noch, was sich dem Buch anmerken lässt. Der Einstieg in Die Unvergleichlichen nimmt sich leider blass und bedächtig aus. In einer Nachbemerkung heisst es: «Dieser Roman erzählt von Menschen, die erlebt haben, was hier beschrieben steht.» Daniel Suter will nichts auslassen und baut auch Begebenheiten und Szenen ein, denen das innere Feuer fehlt. Weitschweifig werden Stadt und Milieu beschrieben oder die Familien mit all ihren Verästelungen vorgestellt – oft mittels Dialogen, die wie künstliche Fremdkörper in dem trägen Erzählfluss wirken. Eine Straffung und etwas mehr literarische Brüchigkeit in den ersten Kapiteln hätten dem Roman gut getan. So dauert es ein Weilchen, bis die beiden Protagonistinnen ihre innere Reife gewinnen und das Buch damit zu seinen wahren Stärken findet.