Wie es wäre, das Erzählen zu erzählen

Beat Mazenauer über «Und jemand winkt» von Li Mollet

«Es war einmal» ist die klassische Erzählformel. Sie ist, schrieb Peter Bichsel, nicht nur der Anfang einer Geschichte, «sondern eigentlich sein Motiv, sein Motor, es setzt die Geschichte in Gang». Mit «es war einmal» kann alles erzählt werden, denn alles ist bereits schon einmal erzählt worden. Nochmals Bichsel: «Die Geschichten sind nur deshalb Geschichten, weil sie uns an Geschichten erinnern.» Dieser Fährte folgt Li Mollet in ihrem Prosabuch und jemand winkt. Jemand winkt darin mit einer Geschichte, einem Zitat, einem Verweis und zuweilen gar mit dem metaphorischen Zaunpfahl. Die Formel «Es war einmal» wandelt die Autorin ab in: «Wie wäre es, die Geschichte von … zu erzählen» – beispielsweise vom Mädchen, das einem weissen Kaninchen folgt, oder «von der Nachtarbeit jener Frau, die später mit zehn Silben in zehn Zeilen in zehn Quadraten ein würfelförmiges Flussversmass erfindet». Lewis Carrolls Alice im Wunderland gibt sich darin zu erkennen, oder Zsuzsanna Gahse mit ihrem Donauwürfel-Gedicht.

So findet Li Mollets Frage, «wie das Erzählen erzählt werden will», in diesem Band eine sehr spezielle und keineswegs abschliessende Auflösung. und jemand winkt rapportiert in verknappter Form eine Vielzahl von Geschichten, lebendigen ebenso wie banalen und stummen, die an andere Geschichten erinnern und zugleich ganz der Autorin selbst gehören. Um dieses Panoptikum zu organisieren, hat sie ein Schema entworfen, das die Vielfalt bändigt und, frei nach Georges Perec, zugleich der Imagination freien Lauf lässt.

Dieses Erzählschema drückt dem Buch seinen Stempel auf. Der fortlaufende Text, der jeweils auf den ungeraden Seiten rechterhand abgedruckt ist, folgt einem Muster aus sieben Elementen:

  1. Eine atmosphärische Startsequenz, die oft mehr Stillleben ist als bewegte Handlung, mit urbanem Kolorit, dem Wetter ausgesetzt und mit vereinzelten Menschen darin.
  2. Ein Terzett von «Wie wäre es...»-Notizen, die aufs Kürzeste Werke paraphrasieren, deren AutorInnen ganz am Schluss des Buches aufgezählt werden.
  3. Eine kurze Szene, die Menschen ins Zentrum rückt, die etwas tun.
  4. Drei Leitsätze, Mottos oder Imperative à la «Viele Wege führen irgendwo hin» – jeweils rechtsbündig gesetzt.
  5. Eine titelgebende «Jemand-»Szene, in der jemand etwas tut, sieht oder hat.
  6. Zwei bis drei Bemerkungen, was «man könnte» oder «man kann», die jeweils ins Offene führen, oft mit einem «sage ich» am Ende – welches
  7. auf der gegenüberliegenden, weitgehend leer bleibenden Seite mit gerader Zahl in einem kurzen Vorsatz der Autorin den Abschluss findet.
    Die letzten beiden Elemente können wie folgt aussehen:
    «Man könnte den Blick von da nach dort in einem fort schweifen lassen, sage ich — und ahne, es war einmal ist immer.»

Mit diesem sich insgesamt 60 Mal wiederholenden Schema sind alle erdenklichen Geschichten erzählbar. Dabei ist unschwer zu erkennen, dass die diskrete Abweichung vom Muster, die Unregelmässigkeit, essentieller Bestandteil des Erzählmusters ist. «Die Gewohnheit ist ein Gehege», heisst es einmal, man darf sich davon leiten, aber nicht einschliessen lassen.

So ist alles denkbar, erst recht Widersprüchliches. Li Mollet verknüpft Märchenhaftes und Alltägliches mit literarischen Motiven zu einem geregelten Strom von Geschichten, die sich manchmal von allem Weiteren absondern, manchmal einen Nachhall erfahren oder später wieder aufgenommen werden. Dass es dabei immer wieder auch um Sprache geht und um Musik und Klang, erstaunt nicht. Li Mollet legt grosse Sorgfalt auf eine Diktion, die ausgesprochen präzise im Ausdruck und beschwingt im Klang ist. Sie verschwendet kein Wort, zugleich bewahrt sie den Geschichten ihre erzählerische Lebhaftigkeit.

«wer etwas haben will, muss etwas dafür tun» – lesen nämlich. Ob Li Mollets und jemand winkt ein Buch zum eiligen Durchlesen ist, oder eher eines zum Schmökern und Schmausen, müssen die Leserinnen und Leser für sich selbst entscheiden. «Verwechslungen sind möglich», aber die Lektüre wird es schon richten. «Man weiss weniger, als man denkt» hält die Erzählerin einmal fest. Dem ist nicht zu widersprechen, hier schon gar nicht.

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