Verunsicherung steckt auch im Band versickerungen von Eva Seck. Ein Zitat von James Baldwin markiert leise ein Unbehagen. «Tiefes Wasser und Ertrinken sind nicht dasselbe.» Wer verunsichert ins Wasser steigt, empfindet Angst, selbst wenn er oder sie schwimmen kann. In Eva Secks Band ist eine oft nur schwer greifbare Andersheit der Grund dafür. Einmal benennt sie es deutlich: «Viele Menschen fallen nicht gerne auf, ich auch nicht, aber aus den falschen Gründen.» Liegt es an der Hautfarbe, liegt es an einer Fremdheit? Oder einzig an den anderen? Darum drehen sich die Gedichte und die kurze Prosa hier. Die Auffälligkeit hat bereits im ersten Gedicht eine Kehrseite, das Verschwinden eines Du, das in die Baumkrone klettert und dort im Blattlaub unsichtbar verloren geht bis in den Herbst, unrettbar.
Danach verging keine Nacht
ohne dass die Gewissheit
uns wach hielt
und wir sagten uns
wir sind doch auch
nur Menschen.
In immer neuen Variationen umspielt Eva Seck solcherart verunsichernde, mitunter verärgernde Situationen. Das Fremdsein hat Wurzeln, die hinab in historische Verbrechen reichen, zu den Sklavenschiffen, in deren Geschichte sich auch die Dichterin verortet. Dies macht den Unterschied: «Warte nicht, bis sie dich bemerken / obwohl du mitten unter ihnen stehst / sie bewunderst und liebst». Auffallen – nicht auffallen, ein beständiges Ringen. Unterschlupf und Hilfe findet die Dichterin bei Frauen und Vorbildern, deren Sätze, Lektüren sie zitiert, und deren Geschichten sie in ihrer Fantasie weiterspinnt.
Die glatten Oberflächen des Alltags sind durchzogen von oft unsichtbaren Furchen, Schründen, Abgründen, resultierend aus einem beständigen Bewegen, Verschieben, Auseinanderbrechen. Der Boden erscheint dünn für das lyrische Ich, er schwankt zwischen den Polen zugehörig und fremd. Was geschieht, «wenn dich die Heimat zurückweist?», fragt sie einmal. Welche Heimat? Hier wie dort? Zwischen diesen Polen sucht sich das Ich seinen Ort. «Alleinsein ist eine kuriose Sache», sagt sie mit Friederike Mayröcker. Verwandtschaften andererseits sind oft (familiäre) Verhängnisse, die einen mit hineinziehen in ungewollte Dinge und daraus nur schamerfüllt entlassen. Dazwischen aber bleibt das Zu-Zweit, das unendlich beseelt, gerade auch in der Sorge um die Träume des anderen, des Kindes.
von einem Lufthauch gestreift
erschliesst sich mir beiläufig
die Bedeutung von Frieden
in einer Welt
in der die Mutter ihrer Tochter
übers Haar streicht und flüstert
alles alles wird gut.
Aus: Zwiesprache mit der Sprache. Vier neue Gedichtbände. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.7.2022