Unterhaltung mit Island-Flair
Verena Bühler über «Ósmann» von Joachim B. Schmidt
Joachim B. Schmidt wählt für seinen Roman Ósmann eine historische Gestalt als Protagonisten, den Fährmann Jón Magnússon, der von 1862 bis 1914 am Skagafjord im Norden Islands lebte und den Beinamen Ósmann trug, was «Mann der Flussmündung» heisst. Er transportierte in den Jahren um 1900 alle Leute, die der Nordküste entlang reisten, mit ihren Tieren und Waren über die Flussmündung. Zur Legende geworden, steht er heute in Form einer Bronzestatue am Ort seines Wirkens und blickt in die Landschaft hinaus.
Zu Beginn des Buches erbittet sich der Autor von der Leserschaft die nötige literarische Freiheit für seine Beschäftigung mit dem berühmten Isländer. Im darauffolgenden «Prolog» wechselt er das Genre, zumindest metaphorisch: Er inszeniert Ósmann – gross, kräftig, bärtig, schön und nackt vor seiner Hütte auf der Bühne des Lebens stehend: «Vorhang auf für den Helden dieser Geschichte!» und sein Publikum, «die Menschen in den Sitzreihen, die ihm während seiner Lebtage begegnet sind oder noch begegnen werden und nun gespannt darauf warten, dass der Fährmann sich regt, dass die Geschichte ihren Anfang nimmt.»
Schmidt greift tief in die Trickkiste des Erzählers, um die Erwartungshaltung seiner Leserschaft hochzuschrauben und sich Ósmann, dem Menschen anzunähern. Er stellt ihm einen allwissenden Erzähler zur Seite, der berichtet und kommentiert, was dem Helden widerfährt und der die Zukunft kennt, aber nicht in die Geschehnisse eingreifen kann. Er ist vielleicht ein Geist oder sonst ein Halbwesen, im Gegensatz zu diesen aber sehr eloquent. Geister, die im Dämmerlicht unterwegs sind, am Flussufer sitzen, an Ósmann vorüberhuschen oder ihn durch die Fenster seiner Hütte anstarren, sind keine Seltenheit am Fabelstrand, wo Ósmann lebt. Gleich zu Beginn des Romans entdeckt der Fährmann eine durchfrorene nackte Frau, die reglos am Strand liegt. Er bringt sie in seine Hütte, gibt ihr zu trinken und zu essen und deckt sie mit Fellen zu. Sie bittet ihn, sie «hinüber» zu bringen, vielleicht nur über den Fluss, vielleicht ins Totenreich. Doch er besteht darauf, dass sie sich zuerst erholt und geht zum nahegelegenen Hof seiner Eltern, um Frauenkleider zu holen. Als er zurückkehrt, ist sie verschwunden. Sie war wahrscheinlich eine Robbenfrau, die ihr Robbenkleid verloren hatte, mutmasst er.
Nicht nur Realität, Legenden und Zwischenwelten mischen sich in diesem Roman, auch die Jahreszahlen, mit denen die einzelnen Kapitel überschrieben sind, folgen keiner Ordnung. Zur Orientierung ist in den Überschriften auch das jeweilige Alter Ósmanns angegeben, meistens gefolgt von einem Wetterbericht. Kälte und Eis, Armut und Missernten fordern ihren Tribut. Die Kindersterblichkeit ist hoch und manche Kinder müssen auf andere Höfe verdingt werden.
Der nach Gammelhai riechende Fährmann hat ein gutes Herz. In seiner Hütte bewirtet er die Reisenden mit Blutwurst- und Robbenspeckeintopf, Kaffee und «brennivín». Während sich die Gesellschaft über die Jahre verändert – sein Ruderboot wird durch eine Seilfähre ersetzt, Telegrafenmasten werden in die Landschaft gesetzt, die Prohibition kommt, der Handel mit Dänemark weitet sich aus, viele Menschen wandern nach Amerika aus – bleibt Ósmann eine verlässliche Konstante.
Doch Schmidt beschreibt auch den privaten Ósmann und versucht, dem Menschen hinter dem Mythos Konturen zu verleihen. Als Ósmann sich verliebt und einen Sohn bekommt, erlebt er Momente des höchsten Glücks und vertraut auf dieses. Es ist die Stimme des Erzählers, die uns warnt: «Weiß er denn nicht, dass nichts von Dauer ist, bloß die Vergänglichkeit und der Tod? Hat er denn vergessen, dass jede Lebensstunde einen Schmerz verursacht...?» Die Schicksalsschläge lassen nicht lange auf sich warten: Noch bevor ein Jahr um ist, muss er sein Kind beerdigen, später noch weitere. Er verliert auch mehr als eine Frau im Laufe seines Lebens und Freunde ertrinken in den Fluten des Flusses. Anders als man es vielleicht erwartet in einem Buch, das vor über hundert Jahren in einer bäuerlichen Umgebung eines nordischen Landes spielt, gibt es bei Schmidt zahlreiche Gefühlsäusserungen, Tränen, Berührungen, auch in Freundschaften und in der Beziehung des Fährmanns zu seinen Eltern.
Im Verlauf der Zeit wird Ósmann zunächst zum Stoiker. Dem Tod gegenüber entwickelt er eine pragmatische Haltung: «Der Tod schien eine willkürliche Angelegenheit zu sein, manche starben eben früher, andere später». Doch die persönlichen Tragödien hinterlassen ihre Spuren und er wird zunehmend schwermütig. Ósmann schreibt seine Gedanken in Notizbücher und verfasst Gedichte, die er manchmal dem Fluss übergibt. Das Schreiben ist aber nicht die einzige Strategie, um mit dem Leben zurechtzukommen. Es gibt Zeiten, in denen er sich oft betrinkt. Seine Gesundheit leidet. Trotzdem kommt sein Suizid unverhofft, umso mehr, als er eine junge Frau und einen anderthalbjährigen Sohn hat und seine Eltern noch am Leben sind. In der Sprache der Elfen und Geister gibt es eine Begründung: Es war die Robbenfrau, die ihn in seinen Träumen besuchte und ihn zu sich lockte.
Die literarische Verarbeitung eines historischen Lebens, das zum Mythos geworden ist, ist keine leichte Aufgabe. Für dieses Buch hat der Autor, der in Island seine Wahlheimat gefunden hat, ausgiebig recherchiert. Er hat regionale Quellen studiert und Interviews mit Nachfahren von Jón Magnússon geführt. Wie kommt diese Heldengeschichte wohl bei isländischen Leserinnen und Lesern an? Gewähren sie ihm die literarische Freiheit, um die er am Anfang des Buches bittet? Und wie wirkt der Roman auf uns deutschsprachige Mitteleuropäerinnen? Ist da vielleicht etwas gar viel Island-Romantik eingewoben, in den Beschreibungen der grandiosen Landschaft oder sprachlich, mit eingeworfenen Brocken Isländisch? Lässt uns diese Heldengeschichte etwas zu leicht in nostalgischen Gefühlen schwelgen? Finden wir hier etwas, nach dem wir uns in unserer heutigen Zeit wieder sehnen? Nähe, Wärme und Ehrlichkeit, den Zusammenhalt eines kleinen Volkes, Humor, der verstanden wird, Genügsamkeit, Verbundenheit mit dem Ort, an dem wir geboren wurde? Das Versöhnliche des letzten Eintrags des Fährmanns in sein Notizbuch ist nicht falsch, aber so allgemein gehalten, dass ihm wohl alle zustimmen können: «Nichts hat Bestand ausser der Vergänglichkeit, nichts ist von Dauer ausser dem Tod, jede Lebensstunde wird zum Schmerz. Aber auf das meiste Böse folgt etwas Gutes; der Herrgott lässt stets Sonne auf Regen folgen». Es dürften aber nur ein paar sehr kritische Stimmen sein, die solche Fragen stellen. Die meisten werden die Lektüre als gut gemachte Unterhaltung mit Island-Flair geniessen.