Unbehagliche Idylle

Ruth Gantert über «Schattengänger» von Gina Bucher

Ein tropischer Sommer in einer städtischen Wohnsiedlung: fünf in verschiedenen Farben gestrichene, durch einen Garten verbundene Häuser. Hier wohnen Familien des Schweizer Mittelstands, die Erwachsenen arbeiten in der Kultur, der Werbung, dem Finanz- oder Schulwesen. Die Kinder wachsen behütet auf, ihre Eltern achten darauf, dass sie gesund essen und beim Fahrradfahren Helme tragen. Man tauscht sich in einer WhatsApp-Gruppe aus und organisiert zusammen ein Grillfest. Der Schauplatz von Gina Buchers erstem Roman Schattengänger könnte idyllisch sein – allerdings zeigen sich von Anfang an feine Risse im Zusammenleben, wie ja auch das schöne, heisse Wetter dem von Menschen verursachten Klimawandel geschuldet ist. Familienleben heisst manchmal nur, zusammen einsam zu sein. «Menschen mit unterschiedlichen Träumen und Absichten. Das kann ja irgendwie nicht gut- gehen. Unmöglich, dass alle das Gleiche wollen, nicht?»

«Wer keine Geschichte hat, über den wird eine erfunden»

Ein Bewohner der Siedlung, ein Mann in den Fünfzigern namens Jo Graber, weckt das Misstrauen der Nachbarschaft. «Schattengänger», so nennt ihn der junge, psychisch versehrte Kris, der beobachtet, wie der Mieter der gegenüberliegenden Wohnung nachts spazieren geht. Es heisst, Graber habe ein Mädchen, die neu zugezogene zwölfjährige Robin, zu sich eingeladen. Wollte er dem Kind etwas antun? Er lebt alleine und unauffällig, vielleicht macht ihn gerade das verdächtig. «Wer keine Geschichte hat, über den wird eine erfunden», weiss die Heilpädagogin Dagy von ihrem Mann Jascha, der in der Kommunikation arbeitet.

Kurze Kapitel, meist nur knappe zwei Seiten, geben in schneller Folge einer von zehn Figuren das Wort und spannen dabei den Bogen über verschiedene Generationen und Lebenswelten, vom alten Mann über die junge Mutter bis zum zehnjährigen Kind. Alle haben einen Bezug zu Jo Graber und werfen ihren eigenen Blick auf ihn: seine Nachbar:innen, seine Chefin und sein Arbeitskollege, seine Ärztin und ein Pfleger im Altersheim, in dem Graber jeweils die Mutter besucht. Als nach Gerüchten und Befürchtungen tatsächlich etwas passiert, wirkt das Ereignis wie ein Katalysator, der sie alle verändert.

Stimmige Vielstimmigkeit

Die in Luzern aufgewachsene und in Zürich lebende Journalistin und Autorin Gina Bucher hat schon erzählende Sachbücher über die Liebe und das Scheitern veröffentlicht. In ihrem ersten Roman Schattengänger gelingt es ihr, jeder Person ihre eigene Stimme zu geben, ohne sie zu karikieren. Sprachlich differenziert und witzig zeichnet sie Porträts des Arbeits- und Familienlebens. So erklärt etwa Grabers Chefin Renée die obligatorische gemeinsame Kaffeepause zum «niederschwelligen Tool» der Teamführung. Zur Satire gesellt sich aber auch Empathie. Besonders berührend ist der sudanesische Pfleger Dennis, dessen Fluchtgeschichte sich aus lapidar eingestreuten Sätzen erahnen lässt. Im Altersheim sammelt Dennis schweizerdeutsche Ausdrücke wie «gschpässig» und «bissoguet». Sein eigenes Deutsch ist einfach und eigenwillig, wird aber nicht plump durch Fehler gekennzeichnet. Dennis’ Bemerkungen zur Schweizer Arbeitswelt sind ebenso lakonisch wie treffend: «Wer nicht hat, der muss mehr pünktlich sein.»

Selbst die Kinderperspektive des zehnjährigen Aurel gestaltet sich glaubhaft und originell. Der Junge sieht sich als Forscher und beobachtet am liebsten Affen, bevor er die Menschen als Gegenstand seiner Studien entdeckt. Im Kontrast zu Aurels akribischen Notaten, aber auch zum Sprachgebrauch aller anderen Figuren taucht plötzlich eine neue Textform auf: Es handelt sich um eine fantasievolle, von Robin eigens – und interaktiv – für ihren Leser geschriebene Geschichte. So verkörpern die beiden Kinder, was die Autorin zu unserem Lesevergnügen verbindet: präzise Beobachtung und Erfindungsgeist.

NB: diese Rezension erschien zuerst im Kulturmagazin 041.

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