Um im Februar zu sterben
Liliane Studer über Um im Februar zu sterben von Anne-Lise Grobéty
Eine wahre Trouvaille ist dieser kleine Roman, eine Entdeckung für jene, die Anne-Lise Grobéty noch nicht kennen, eine grosse Freude für alle deutschsprachigen Leserinnen und Leser, die Grobétys Romane lieben und nun endlich wieder Zugang zu einem Text der viel zu früh verstorbenen Westschweizer Autorin (1949–2010) haben. Denn im Handel gibt es keinen ihrer übersetzten Romane mehr zu kaufen, zu finden sind nur einige wenige Restexemplare antiquarisch.
Anne-Lise Grobéty war 19-jährig, als sie Um im Februar zu sterben (Pour mourir en février) schrieb, das war mitten in den 68ern. Ihr Debüt wurde umgehend mit dem Prix Georges-Nicole ausgezeichnet. Die junge Autorin erzählt die Begegnung der 18-jährigen Aude (die altfranzösische Benennung für die Wassernixe Undine) mit der 35-jährigen belgischen Jüdin Gabrielle C., die Schauspielerin ist, geschieden, und nun in Neuenburg ein Antiquariat führt. Aude erleidet in der Stadt einen Schwächeanfall und wird von Gabrielle in eine nahe Bar geführt, wo sie redet und erzählt – was gar nicht zu dem eher schüchternen Mädchen passt, das zwar sehr wohl gegen die elterlichen und gesellschaftlichen Zwänge der 1960er-Jahre aufbegehrt, wenn auch eher im Stillen. Zwischen den beiden Frauen wächst eine tiefe Freundschaft, die rasch für die mit Sperberaugen hinschauende Umgebung zur Bedrohung wird, bis der Vater ein Machtwort spricht. Mit vielen Worten – ohne jedoch das entscheidende auszusprechen – spricht er sein Verbot aus: «von heute an verbiete ich dir, mit dieser Frau weiterhin zu verkehren, das ist ein striktes Verbot, jede Übertretung wird streng bestraft, langsam, aber sicher habe ich von deinem üblen Charakter genug, Aude, ab heute werden Sie mir gehorchen, mein Fräulein».
Das «Fräulein» erstarrt bis ins Innerste, denn sie weiss genau, was der Vater nicht ausspricht. Gabrielle, so wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert, sei eine Lesbe und habe sich auch ihr – in den Augen dieser Moralapostel – unsittlich genähert.
Als sie, die Naive, zu Gabrielle geht:
ich müsse die Wahrheit erfahren, man habe mir erzählt, das Reden fiel mir nicht leicht, verzweifelt suchte ich einen gangbaren Weg, um nicht einzuknicken, einzusinken,
dass, nun, dass sie,
wie anstrengend, durch den Sumpf der Verleumdungen zu waten,
dass sie eigenartige Sitten habe,
und dann – ich weiß nicht, wie ich mich dazu überwinden konnte – fiel das Wort, schlug ein, zerbrechendes Glas, rot und gelb,
lesbisch,
gerät die ältere Freundin, die sie einmal als die Mutter, «die ich mir so sehr gewünscht hatte» bezeichnete, ausser sich vor Wut und weist sie aus der Wohnung, für immer. Mit diesem, ihrem grössten Schmerz bleibt Aude allein, die Einzige, mit der sie hätte reden können, ist für sie nicht mehr da.
Der kleine Roman hat auch heute nichts von seiner Kraft verloren. Das liegt in der kunstvollen Art des Schreibens, die Anne-Lise Grobéty bereits zu ihrer Zeit als eine Autorin auszeichnete, die ihrer Zeit weit voraus war, und die weibliches Erzählen zu ihrer Hauptsache machte. Dem Übersetzer Andreas Grosz ist es gelungen, dieses Erzählen auch im Deutschen wiederzugeben. Seine Sprache ist leicht, fliessend, sein Deutsch ist weit entfernt von dem Spröden, was unserer Sprache oft anhaftet. Er lässt die Geschichte, die nicht chronologisch erzählt wird, wachsen, mäandernd, umkreisend. Grobéty setzt eine genaue Sprache ein, die keine Erklärungen kennt, die auch die zeitlichen Abfolgen aufbricht, ein Nebeneinander, was sich auch in der Zeichensetzung – es gibt keinen Punkt – zeigt. Aude schreibt sich an jenem 17. Februar ihren Schmerz nach dem Bruch mit Gabrielle nicht vom Leib, sondern in den Körper hinein, die tiefe Freundschaft, die sie während weniger Monate erlebt hatte und die durchaus Verliebtheit und erotische Momente umfasste, wird zur unauslöschlichen Erfahrung, lustvoll und schmerzvoll. Was die damalige Jugend laut und kompromisslos auf die Strasse trug – Widerstand gegen das bourgeoise Denken, gegen Prüderie –, hat Anne-Lise Grobéty mit wenigen Strichen sprachmächtig auf Papier gebracht, aus der Perspektive einer jungen, autonom denkenden Frau.
PS: Zwei weitere Gründe, sich dieses schlicht gestaltete reiche Buch zu kaufen:
1) Die Ausgabe enthält einige Fotos der Autorin, die Eric Bachmann in den späten 1960er-Jahren aufgenommen hat und die Anne-Lise Grobéty als lebendige, manchmal nachdenkliche junge Frau zeigen, schreibend, in einer Bibliothek oder im Café.
2) Ein Interview, das die damals bekannte Annabelle-Journalistin Ilse Heim-Winter mit Anne-Lise Grobéty führte und das in der Frauenzeitschrift 1971 unter dem Titel «Bekenntnisse einer Achtzehnjährigen» abgedruckt wurde, ergänzt den Band aufs Schönste. Anne-Lise Grobéty erzählt vom Schreiben, von ihren Figuren, von Vorbildern und Zukunftsplänen.