Turbulenzen einer Teenager-Schwangerschaft

Kathrin Steinmann über «Bauchlandung» von Wanda Dufner

Noemi ist siebzehn und schwanger. Dabei war sie sicher, nicht schwanger werden zu können. Zu dünn, zu wenig weiblich sei sie, so ihr Bild von sich selbst. In ihrem Wunsch, «normal» zu sein, später einen Mann zu finden und das Idealbild von Familie zu erfüllen, dem sie als Frau zu entsprechen hat, betete sie darum, Kinder haben zu können. Das, obwohl im Laufe der Erzählung deutlich wird, dass sie selbst keinen Kinderwunsch ver-spürte. Ihr Gebet geht in Erfüllung – früher als vorgestellt.

Der Vater des Kindes ist ihr Freund Adi, mit dem sie eine durchwegs ungesunde Beziehung führt. Diese ist von wiederholten Trennungen und Versöhnungen geprägt, Kommunikation scheint kaum möglich zu sein. Noemi rennt mit ihren Bedürfnissen an, während Adi auf sich konzentriert bleibt. Sie lässt vieles mit sich machen mit dem Ziel, ihn zufrieden zu stellen.

Wanda Dufner zeigt in ihrem Comic mit szenischer Erzählung und eindringlicher Bildsprache, mit welchen Prägungen Noemi umgehen muss. Ihr distanzierter Bezug zum eigenen Körper ist stark geprägt von Bildern, wie eine Frau zu sein hat. Die Menstruation und der sich in der Pubertät entwickelnde Körper sind Themen, die bei Noemi vor allem Verunsicherung und Erwartungsdruck auslösen. Ihre Feststellung «Das Frausein und alles, was damit zu tun hatte, auch die nun vorhandene Fruchtbarkeit, waren mir zutiefst peinlich!» steht über einem Bild junger Frauen auf dem Scheiterhaufen, die vom Pöbel als Hexen bezeichnet werden, weil sie ihre Tage haben.

Wie sich die Sexualität zu entwickeln hat, was als normal gilt und was nicht, eine romantische Beziehung als ultimatives Ziel und wie diese auszusehen hat – Noemis Vorstellungen sind deutlich von gesellschaftlichen Normen geprägt. Sie hat weder eine gesunde Körperwahrnehmung noch das Erkennen und Berücksichtigen ihrer Bedürfnisse gelernt. Auch wenn eigene Erfahrungen dazugehören und wohl niemand ohne herausfordernde Zeiten erwachsen wird, zeigt Bauchlandung doch deutlich, wie verloren Noemi zwischen Erwartungen und Glaubenssätzen ist. Man würde ihr eine zugewandtere Begleitung wünschen, durch welche sie ein besseres Gespür für sich und mehr Selbstbewusstsein entwickeln könnte.

Nachdem Noemi ihren Eltern und dem Umfeld von der Schwangerschaft erzählt hat, prasseln Reaktionen und Aktionen auf sie ein. Die Eltern durchlaufen mit ihr einen Beratungsmarathon, wobei auffällt, wie sehr die Erwachsenen auf sich fokussiert sind und Noemis Situation aus ihrer Perspektive beurteilen. Welche Ausbildung machst du denn jetzt? Wie organisierst du dich? Wie wird das Kind heissen, welchen Kinderwagen kaufen wir? Die Erwachsenen wollen Lösungen, während Noemi noch damit beschäftigt ist, zu verarbeiten, dass sie schwanger ist. Hinzu kommen aufgrund der Reaktionen nun noch Selbstvorwürfe: Noemi glaubt, das Leben der Eltern und von Adi ruiniert zu haben, allen eine Last zu sein, ein Stigma zu tragen und für immer alleine zu bleiben.

Sowieso, die Einsamkeit: Noemi fühlt sich entfremdet von den Gleichaltrigen, gleichzeitig von den Erwachsenen nicht ernst genommen. Und beständig wird über sie geredet anstatt mit ihr – in Beratungsgesprächen, am Familientisch oder von Schulkolleg:innen, die über sie tratschen. In den wenigen Momenten, in denen Noemi ernst genommen und ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden, erstrahlt auch die visuelle Darstellung in hellerem Licht.

Die Bildsprache Wanda Dufners verleiht der Geschichte eine Unmittelbarkeit und Körperlichkeit. Gleichzeitig trägt sie zum ironischen Humor bei, welcher der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Dufner arbeitet in Bauchlandung wie in ihrer sonstigen Arbeit als Illustratorin und Designer mit starken Farben und eindringlichen Motiven. Noemis Distanz zum eigenen Körper wird visuell umgesetzt, wenn dieser zerfällt oder sich verselbständigt oder wenn Tiere aus ihm ausbrechen.

Drastische Darstellungen wie zu Monstern verzerrte Fötusse oder eine pechschwarze Flüssigkeit aus Schuld, in der sie unterzugehen droht, machen Noemis Inneres erlebbar. Die Nähe, die so zur Protagonistin aufgebaut wird, steht im Kontrast zu den Reaktionen von Noemis Umfeld, welches Mühe bekundet, auf sie einzugehen. Bauchlandung wird so zu einem Plädoyer dafür, die Menschen um uns herum wahrzunehmen und ihnen zuzuhören. Gerade wenn jemand in einer herausfordernden Situation ist, helfen Vorverurteilungen oder Aktionismus aus eigener Warte heraus wenig. Vielmehr sind Zugewandtheit und Offenheit für die Bedürfnisse der betroffenen Person angebracht. So ist Wanda Dufners Comic nicht nur für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen ein wertvolles Gesamtkunstwerk, sondern für alle, die ihre Sensibilität den Mitmenschen gegenüber verfeinern wollen.

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