Try Praying

Beat Mazenauer über «Try Praying» von Sibylle Berg

Sibylle Berg, die Prophetin der rabenschwarzen Zukunft, geht es in Try Praying direkt und unverblümt an. «Gedichte gegen den Weltuntergang» heisst der Band im Untertitel, in dem sie sich den Übermut von Reimen gönnt.
Das klingt gleich eingangs etwa so:

Frau Müller war seit Jahren einsam –
seit obs dem Zug in Vals ihr Mann kam
Nun stand auch noch die Weihnacht an
ein Jahr, nachdem es ihren Mann nahm.

In ihren letzten beiden Romanen GRM und RCE zeichnete Sibylle Berg ein düsteres Zukunftsszenario. Das obige Zitat veranschaulicht, dass sie in ihrer Lyrik einen anderen Ton anschlägt. Berg reimt um des Reimes willen ohne Rücksicht auf Rhythmus und Wortfolge, dass es schwer fällt, diese Gedichte, die «Ein schönes Weihnachtsgedicht», «Urlaubsgedicht» oder «Einige lustige Gedichte, um die Stimmung zu heben» heissen, so ganz ernst zu nehmen. Sie sind im Ton salopp, in der Machart rüttelnd und holpernd wie Gedichte bei der Geburtstagsfeier. Eine kritische Analyse hilft da kaum weiter, denn das alles klingt sonderbar und schräg, selbst aus der Hand einer Autorin, der vieles zuzutrauen ist. Ein Motiv allerdings bricht immer wieder durch und lässt einen ernsthaften Beweggrund erahnen.

Das sind so Tage, Tage im Jahr
wo ich mich schon frage, ob das alles war
das sind wirklich Tage, da wird mir fast klar
dass dieser Mist es tatsächlich war

Das Gebet im Titel bezieht sich auf dieses Memento mori, die kränkende Vergänglichkeit. Berg politisiert hier nicht, sie bedichtet ihren eigenen, sehr persönlichen Weltuntergang. Die Zeit vergeht, die erwartbaren Lebensjahre schwinden: All das ist nichts für Feiglinge. Sibylle Berg stochert im Zwiespalt zwischen Demut und Erwartungen, zwischen Scherz und tiefer Bedeutung.

ich sehne mich so sehr nach früher
als alles noch Versprechen war

Die sentimentale Gefühlslage zerschellt indes an der lyrischen Form, die nie recht über den Charakter von Gelegenheitsgedichten hinausfindet. Aber vielleicht steckt eh eine andere Intention dahinter. Vielleicht liegt diesen Gedichten eine lustvolle Spielerei zugrunde, mit der sich Sibylle Berg von der harschen Rigorosität ihrer eigenen Weltuntergangsfantasien befreit. Und es fragt sich, ob die Autorin nicht schallend lacht ob der Kritik, die sich linkisch einen Reim drauf macht. Bei allem Respekt, unter poetischen Gesichtspunkten ist ihr Try Praying missglückt. Doch Lachen befreit. Ein Punkt für die Dichterin.

Aus: «Mit der Zeit, gegen die Zeit. Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos.» Ein Fokus von Beat Mazenauer, 20.01.2025.

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