Texte und Gedanken mit Rest

Beat Mazenauer über «Fallen Sie nicht. Fliegen Sie lieber» von Ruth Schweikert

Das Werk von Ruth Schweikert ist schmal. Fünf Prosabücher machen ihr publiziertes Œuvre aus. Diese Zahl täuscht allerdings, denn Ruth Schweikert hat in vielen Medien und bei zahlreichen Anlässen ihre literarischen Spuren hinterlassen. Dazu haben etliche Textentwürfe ihre Festplatte gar nie verlassen; Textentwürfe, von denen eine grosse Zahl bei einem tragischen Vorfall verloren gegangen ist. In einer Kolumne mit dem Titel «Die Furie des Verschwindens» hat Ruth Schweikert 2009 selbst darauf hingewiesen:

Was gedacht werden kann, wird gedacht; was machbar ist, wird gemacht – früher oder später. Was geschehen kann, geschieht. Und also geschah es, dass eben diese einzige Festplatte meines einzigen Laptops eines Morgens ohne vorausgegangene Krankheitszeichen dahinschied und mit ihr meine ganzes Archiv, sämtliche Artikel, ungefähr 4000 über die Jahre aufbewahrte E-Mails, diverse Buchfassungen, Notizen und Zitatsammlungen, aber auch alles, woran ich seit Jahren und Monaten arbeitete ...

Ruth Schweikert war, wie die Herausgeber im Nachwort des neuen Textbandes festhalten, «keine Archivarin ihres Schreibens», was ihr fahrlässiges Vertrauen in ihren ohnehin «nicht mehr ganz taufrischen Laptop» vielleicht erklärt. Das Schreiben selbst war ihr Arbeit genug. Trotz des Datenverlusts konnte der eine oder andere Text gerettet werden, oder er war in Bibliotheken und Archiven wieder auffindbar. Aus dem nachgelassenen Fundus haben Eric Bergkraut, Raphael Schweikert und Martin Zingg nun eine Auswahl getroffen, um nochmals Einblick ins vielfältige Schaffen Schweikerts zu geben.

Der Band Fallen Sie nicht. Fliegen Sie lieber ist erklärtermassen heterogen ausgefallen. Entwürfe, Reden, Kolumnen, Erzählungen wechseln sich darin ab. Der Text «Die Fräuleins 2» ist eine Version der frühen Erzählung «Port Bou» aus dem Band Erdnüsse. Totschlagen von 1994, der von einer «Frau mit Charakter und ohne ein irgendwie gottgewolltes Schicksal» erzählt. Der Vergleich mit der Buchfassung offenbart keine grossen Differenzen, vielmehr wird daraus ersichtlich, wie Schweikert besondere Sorgfalt auf rhythmische Variationen und unscheinbare Details gelegt hat, zu denen beispielsweise der Namenswechsel von Elisabeth zu Roswitha zählt. Der nachgelassene Entwurf erinnert daran, dass Schweikerts Debütbuch bis heute nichts an poetischer Kraft eingebüsst hat und eine neue Lektüre verdient.

In vergleichbarer Manier demonstrieren mehrere Erzählungen und Entwürfe aus dem Nachlass, wie Schweikert eine selbstbiographische Konstellation literarisch virtuos zu verarbeiten wusste. Die junge Mutter mit zwei oder drei Kindern ist eine Kernfigur, deren «Schicksal und Charakter» (in Anlehnung an Walter Benjamin) sie in mehreren Geschichten kunstvoll variiert und ihr eine gesellschaftliche Dimension verleiht. «Liebe ist kompliziert, weil sie sich ständig verändert» – so sind es auch die Geschichten über Liebe und verwandte Phänomene. In einer schönen Rede über «Psychiatrie und Literatur» erkennt Schweikert in «Orpheus und Eurydike» den „Urmythos des Schreibens und Erzählens», wobei die weibliche Schöpfung im Symbolischen monströs bleibe und nicht nur für sie selbst ein Antrieb zum Schreiben sei.

Witz und Originalität ihres Schaffens demonstriert schon das Inhaltsverzeichnis, das eine Reihe von schönen Titeln ausweist, beispielsweise gleich eingangs «Das authentische Tagebuch einer gefälschten Autorin eines verlorenen Tagebuchs einer real existierenden Autorin namens Ruth Schweikert»; oder schlichter «Verlorene Pläne der Weltordnung», «Verpackungen, Sehnsüchte», «Von dem, was abfällt, was übrig bleibt, was verschwindet und was sich erübrigt».

Die hier versammelten Texte zeichnen das Bild einer Autorin, die in allen literarischen Formaten eine brüchige, aufgeraute Erzählweise gepflegt hat. Beim Entwerfen ihrer Texte hält sie gerne inne, nimmt neue Fährten auf und findet längst nicht immer auf die Spur des Anfangs zurück, mitunter verweigert sie auch den versöhnenden Schluss. Dazu hat Schweikert selbst einen Satz von Adorno zitiert: «Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine». Ein zweites Zitat schlägt in dieselbe Kerbe, aus einem Auftragstext für die Verpackungsfirma SIG:

  1. (…) Aus Kunst wird Kultur. Unter cultivare versteht man Zähmung, Beherrschung und Nutzbarmachung des Naturgegebenen durch und für den Menschen.

  2. Schriftsteller und Schriftstellerinnen sind amoralische Träumer und sentimentale Idioten.

In diesem Sinn erscheinen viele ihrer Erzählungen und Essays nicht glatt durchkomponiert und in dem Sinn «vollendet», vielmehr ist ihnen ein stetes Hinterfragen, eine permanente Suchbewegung einbeschrieben: sozusagen die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Schreiben. «Worauf will ich hinaus?», fragt sie in einem Beitrag über Annemarie Schwarzenbach: «Wenn ich es jetzt schon wüsste, ich bräuchte diesen Text nicht zu schreiben.»

Dergestalt steckt in den Entwürfen auch ein vor sich Hinwerfen, als ob die Autorin prüfen möchte, ob das Geworfene hält. Diese Bewegung verleiht Schweikerts Texten eine ganz eigene Beweglichkeit. Auch wenn die stilistische Höhe der neu aufgelegten Texte sehr unterschiedlich ist, bleibt in ihnen immer ein Stachel verborgen, der ihnen Gültigkeit verleiht; ein Stachel, mit dem die Autorin ihren Namen in die Textur eingeritzt hat.

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