Stilistische Überspanntheit

Beat Mazenauer über Emmeneggers Hochmoor von Ulrich Thalmann

Auch für Kommissär Emmenegger ist es der dritte Fall, den der Luzerner Kantonspolizist für seinen Autor Ulrich Thalmann im Hochmoor von Finsterwald im Entlebuch löst. Nicht allein diesbezüglich reiht er sich ins Genre der seriellen Regionalkrimis ein. Es gibt auch hier kaum eine Figur, die nicht im engeren Beziehungsnetz Emmeneggers zappeln würde. Trotz oder wegen seines tadellosen Rufs neigt dieser dazu, offene Fragen direkt zu regeln, beispielsweise mit dem Piketoffizier Fritz: «der ist mir noch etwas schuldig». Und sein Team kann immer an Freunde aus dem Verein oder der Schule appellieren, um bürokratische Prozesse zu beschleunigen.

Die Ausnahme bildet auch hier die fremde Leiche. Als sie im Hochmoor ans Tageslicht kommt, sieht sich Emmenegger mit einem Fall konfrontiert, der vierzig Jahre zurückliegt. Damals, als in Finsterwald nach Öl und Gas gebohrt wurde, verschwanden zwei deutsche Ingenieure spurlos. Einer taucht nun wieder auf. Emmenegger macht sich an die Arbeit, auf der Spur jener Vorgänge, die Ulrich Thalmann seiner Leserschaft gleich eingangs erzählt. Wie bei Sandra Hughes wissen diese also mehr als die Fahnder, nur die tieferen Zusammenhänge gilt es noch «gemeinsam» aufzuklären. Anrüchig und somit spannend wird die Geschichte, als sich die Bundespolizei in Bern einschaltet und der Fall eine internationale Dimension annimmt.

Dem Verbrechen antwortet auch hier die heimatliche Vertrautheit und Nähe, die sich die Störung durch Mord und Betrug schleunigst vom Leib schaffen will. Solidarisch gelingt es Emmenegger und seinem Team, wobei sie sich weder das Privatleben, ihre Liebschaften, noch die gute Laune durch die Moorleiche nehmen lassen. Damit sind Stärken und Schwächen dieses Krimis angedeutet. Thalmann beschreibt Land und Leute mit grosser Empathie und feiner Übertreibung. Die Entlebucher sind ein spezielles Völkchen, selbst die beiden Slapstick-Polizisten Heinz und Röbi verdienen Nachsicht. Die Bundespolizisten dagegen stellen sich dumm wie selten an, was erheiternd zu lesen ist, doch dem Plot nicht unbedingt gut tut. Die derart gelöste Stimmung verleitet den Autor dazu, mit den Gefühlen zu spielen. Abrupte Stimmungswandel sind ein Kennzeichen seines Romans. Menschen sind wegen nichts erschüttert oder geraten unvermittelt «in Rage», um gleich wieder die Ruhe selbst zu sein. Solche Unstimmigkeiten erzeugen eine Aufgeregtheit, die nicht dem Plot geschuldet ist. Das verleiht Emmeneggers Hochmoor eine stilistische Überspanntheit, die den eher lauen Plot nicht wettmachen kann.

Beobachtung 2: Serien- und Ortskrimis sind im Kern Heimatromane, die sich eine persönlich greifbare Fahnder-Figur zu eigen machen, welche Morde aufklärt und mit ihrem Tun die Region ins (prächtige) Licht rückt. Dafür neigen diese Romane zu einem Übermass an Erklärungen, die alles richtig lokalisieren wollen. So lernen wir Regionen und ihre sympathischen Eigenheiten in touristischer Weichzeichnung kennen, mit einer Fülle von Informationen, die für den Plot respektive seine Lösung kaum relevant sind. Ja, es macht oft eher den Anschein, dass damit jene Spannung ersetzt wird, die der eigentliche Plot ohne Lokalkolorit und persönliche Sympathieeffekte nicht hergibt. Die heile Welt obsiegt so auch formal über das Verbrechen, das mit erfolgreicher Ermittlungsarbeit der Protagonisten möglichst schnell wieder aus der Region geschafft wird.

Aus: Ein Kriminalroman ist, wo gut und gerne gegessen wird. Vier aktuelle Bücher von Sandra Hughes, Ulrich Thalmann, Seraina Kobler und Peter Weingartner. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 07.11.2022.

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