Stein und Schrift
Beat Mazenauer über Wurzelwerk von Katarina Holländer
Stein und Schrift – Katarina Holländer: Wurzelwerk (Telegramme)
Unter dem Titel «Wurzelwerk» legt Katarina Holländer ein literarisches Debüt vor, in dem Gedichte und lyrische Prosatexte aus mehreren Jahrzehnten versammelt sind. Letztere stehen in einem zweiten Teil, dessen Untertitel ein Schlüsselwort für den ganzen Band bereit hält. «Nigunim» respektive «Nigun» in der Einzahl ist ein hebräischer Ausdruck für Melodie. Ein Nigun ist ein spiritueller chassidischer Sprechgesang, der an Stelle von bedeutungstragenden Worten gerne Nonsense-Silben wie «bam-bam-bam» setzt. Diese Form des Sprechens ist der lyrischen Prosa von Katarina Holländer eingeschrieben.
Der dazugehörige Zyklus «Nach Prag» umfasst 23 «Begegnungen» mit Personen, die jeweils mit ihren Initialen benannt werden. Für diese Begegnungen bedient sich die Autorin einer «dunklen Sprache», wie es einmal heisst – einer Sprache, die sich mantraartig wiederholt und so einen Hallraum erzeugt, in dem konkrete Themen und Begebenheiten benannt werden, doch zugleich elliptisch rätselhaft bleiben. Familie und Herkunft spielen eine Rolle, «unsere jüdischen Vorfahren», oder das kollektive Erinnern: «Überall diese Angst vor der Geometrie», heisst es einmal, und eine Begegnung später schält sich Buchenwald aus dem Nebel, daneben Pflastersteine, Staubwolken. Die Texte umfassen jeweils eine bis zweieinhalb Seiten, mit meist kurzen Sätzen, die absatzlos und dicht gefügt sind. Sie klingen oft wie Gebete oder Beschwörungen, die Aussenstehenden erst einmal als nachhallender Singsang – Nigunim – erscheinen mögen, um allmählich doch Konkretes, Sinnhaftes preiszugeben. Das lyrische Ich lässt «einen Axthieb Vergangenheit in die Fasern des Stammes sausen, dass er aufschreit», sie ruft mit Begriffen wie «Menschentransport» oder «Kommando» eine ganz konkrete, leidvolle Vergangenheit auf, die sich noch immer nur schwer begreifen lässt. «Wir stehen auf dem Wort» heisst es einmal so präzise wie bildhaft.
Die Begegnungen bleiben aber immer gegenwärtig und zeitgemäss, es geht in ihnen auch um das Reisen oder die Liebe, die mal fehl geht, mal glückt. Grundlegend bleibt der leicht elegische Ton, «es küssen sich alte Hymnen in ihnen, bodenlos sind die Obertöne». Die zweitletzte der Begegnungen ist eine der wenigen, deren Initialen E. M. womöglich aufgeschlüsselt werden können. Im Nachwort dankt die Autorin dem Komponisten Ermanno Maggini (1931-91), «der mich früh las und förderte». Die Begegnung mit ihm ist nicht ganz zufällig eine der berührendsten; die Trauer über seinen Tod: «Die Tonleiter zerspringt in der Mitte».
Magginis Tessiner Heimatort Intragna ist auch ein kurzer Gedichtzyklus im ersten Teil von Wurzelwerk gewidmet.
Stege der Zither.
Andante, die Hände, stumm,
greifen einander, sie ziehn
über den Abgrund der Laute
staunend erschaut –
Die Musik tönt hier an, im Einklang mit den Abgründen, die sich an der Gabelung zum Centovalli- und Onserononetal in zerklüfteten Flussbetten und übergreifenden Brücken manifestiert. Doch letztere verbinden erst abends, tagsüber stehen sie für Trennung, «für Heimat über dem Abgrund / den der Kehrende nie / mehr überquert».
Katarina Holländers Gedichte gleichen ihrer lyrischen Prosa in dem Punkt, dass die Autorin nicht auf ein voreiliges Einverständnis mit den Lesenden schielt.
(...) – Wiegen wir
Wörtchen, ein Wörtchen, her und hin
leer und Sinn, wie Diebe, allein.
Ein signifikantes Kennzeichen ist die widersprüchliche Verklammerung, das Spiel mit Gegensätzen. «Kerzen / schwärzen / das Licht / Lesen / was fehlt / im Stein: Schrift.» Von der Lichtspenderin bleibt allein der Rauch, von der Schrift eine unleserliche Spur im Stein. Katarina Holländers Metaphorik bleibt dunkel, zuweilen irritierend und hin und wieder auch ein wenig stumpf. Ihre Hall- und Klangräume wirken hin und wieder etwas zu luftig, zu hoch und zu weit – oder gewendet: weniger zwingend als in der späteren lyrischen Prosa. So gesehen lässt sich vielleicht eine Entwicklung von diesen früheren Gedichten zu den gebundenen, absatzlosen «Begegnungen» verfolgen, worin Bild und Inhalt sich oft lose aufeinander beziehen, die dennoch eine kompakte Erfahrungswelt spürbar werden lassen.
(In: «Vom Schweigen der Sprache». Lyrik-Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur, 12.04.2021)