Sensationen am Wegrand

Beat Mazenauer über «Hüener lachen angers» von Guy Krneta

Spoken Word ist Literatur, aber auch Bühnenkunst. Spoken Word-Texte sind für den Auftritt geschrieben und zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein anwesendes Publikum direkt ansprechen und zu bewegen versuchen. Virtuose Sprachspiele und kurze Geschichten aus dem Alltag, die humoristisch, in gebotener Kürze erzählen und rhythmisiert auf eine Pointe hinsteuern, sind dabei besonders beliebt. Vor all dem scheut auch Guy Krneta nicht zurück. Vor mehr als zwanzig Jahren war er Gründungsmitglied der Autorengruppe «Bern ist überall», mit der er bis heute auftritt. Ihre musikalischen Textperformances haben auch ihn geprägt.

Unter dem Titel Hüener lachen angers ist neu eine Sammlung mit insgesamt 67 Textbeiträgen erschienen, die Krneta in den letzten Jahren zu verschiedensten Anlässen und Zeitschriften geschrieben hat. In in guter Spoken Word-Tradition erzählt er die Geschichte von Housi, der dem Erzähler seine neue Wohnung zeigt. Die sündhaft hohe Miete nimmt er in Kauf, doch beim Thema Steuern kommt er ins Fluchen, ohne dass ihm der Erzähler etwas entgegnen würde, denn es ist ein Übel, dass «eim di naheligendschten Antworten geng erscht ufem Heiwäg i Sinn chöme». Oder gleich eingangs dekliniert Krneta das Wort «leisten» durch:

Mir chöis is leischte. U was mr is chöi leischte, leischte mr is. U was mr is nid chöi leischte, leischte mr is nid. Wüu mrs is nid chöi leischte.

Dieses Beispiel («frei nachem Kurt Schwitters») zeigt bereits die Doppelbödigkeit von Krnetas Texten. Die rasante Variation von ähnlich lautenden Sätzen birgt einen Stachel, der aus dem privaten «sich etwas leisten» auf ein kollektives «etwas leisten» hinsteuert: auf die Leistungsgesellschaft, die weiterhin ein altbackenes Arbeitsethos zelebriert, obwohl das Geld längst profitabler arbeitet.

Der Band Hüener lachen angers demonstriert, dass der tiefere literarische Reiz in der Abweichung liegt. Wo Spoken Word heute oft etwas schematisch anmutet, mit Erzählungen wie der von Housi, gelingen Guy Krneta schöne Variationen solcher Muster. Mit einem Wort von ihm: «D Kunscht ar Kunscht isch, d Regle vor Kunscht iizhaute u gliichzitig gäge se z vrstosse.»
Das kann er, wie ein paar Beispiele verdeutlichen.

Da ist zum Beispiel der Text «Heiligi Schtund», in dem der Bezug gleich im Titel angezeigt wird. Krneta bezieht sich auf das Bild Die heilige Stunde, das Ferdinand Hodler in mehreren Variationen gemalt hat. Krneta versucht, dieses Bild aus dem Geist des Malers zu entwickeln und mit Worten in einem Sprachrahmen aufzuspannen. «E Landschaft isch e Liinwand fürne Maler. E Liinwand, wo druff es Biud entschteit im Chopf vom Maler». Schritt für Schritt füllt sich diese Leinwand mit einer Frau, nein, mit sechs Frauen, weil niemand alleine bleibt; sie tragen ähnliche Kleider und Frisuren, «nid eifach ufgschteckti Haar». Sie sitzen auf einer Rasenbank, aber nicht einfach still, sondern «wi sech Frouen ufeme Bänkli natürlecherwiis würde bewege, we niemer, ke Maa würd iigrife». Auf diese Weise entsteht das Bild in Sprache und reflektiert so die zugrundeliegenden künstlerischen Formate – wie es Peter Weiss in seinem Laokoon-Aufsatz beschreibt: «Das Bild liegt tiefer als die Worte.» Aber: «Worte enthalten immer Fragen. Worte bezweifeln die Bilder. Worte umkreisen die Bestandteile von Bildern und zerlegen sie.»

Auch der Text «Schubertvariazione» siedelt sich zwischen zwei Kunstformen an: zwischen Wort und Musik. Er variiert Schuberts «Am Brunnen vor dem Tore» und verknüpft das Lied mit den historischen Milieus einerseits, andererseits mit der persönlichen Tragik des Komponisten, der elf von vierzehn Geschwistern durch frühen Tod verlor. Diese Tragik des Verschwindens verknüpft Krneta sachte mit dem Verschwinden von natürlichen Ressourcen:

Dr Schubert het glitte wi d Fichte.
Dr Schubert isch queer gsi wi d Foräue.
Dr Schubert het sis Talänt a d Mönschheit vrschwändet.
Was hätt us somne Mönsch iren angere Wäut chönne wärde?

Was auch angestrengt klingen könnte, wird hier durch den lyrischen, ja liedhaften Charakter aufgehoben. Die Aktualisierung bewahrt etwas Leichtes, sie wird nur angetupft.

Die Sprache ist selbstredend ein Kernthema auch in diesem Band. Immer wieder umspielt Krneta die sprachliche Vielfalt jenseits des Berndeutschen. Er zählt all die Sprachen auf, die zu verschwinden drohen oder schon verschwunden sind. Und in der Titelerzählung sinnt er während einer Lesung in Lausanne darüber nach, ob sein Publikum etwas von seinem Text versteht, dessen Übersetzung er beim Lesen selbst nicht recht begreift.

Die faszinierendste Eigenheit demonstriert er aber im Kapitel «D Landschaft läse». Ökologie und Klimawandel sind nicht einfach Themen, die ihn wie alle umtreiben. Er offenbart ein vertieftes Interesse für natürliche Zusammenhänge und für die «Arteviufalt», wie im gleichnamigen Text: «Nä mr d Tagfauter. We hie d Gsetz vom Markt würde gäute, gäbs ei Tagfauter, fertigschluss, dr Marktfüerer, u vilech non e Nachtfauter». Damit ist viel gesagt und noch mehr angedeutet. In diesem Kapitel erzählt er in kurzen Texten vom Kuckuck und dessen Herausforderungen durch die Erwärmung des Klimas, von Feldlerchen, Braunkehlchen oder Steinadlern. Krnetas Faible für Naturbeobachtung und -themen drückt sich symptomatisch im Text «Ameiselöi» aus. Auch diese Erzählung ist in drei Ebenen geschichtet. Der Erzähler erinnert sich an die Kindheit, als er fasziniert dem Ameisenlöwen unter der Autobahnbrücke auflauerte und ihn aus seiner Grube zu locken versuchte. Diese Erinnerung ist Anlass, das Tier selbst näher in Augenschein zu nehmen und seine Metamorphose vom Käfer zur «Jungfere» zu beschreiben. Was wiederum zur Frage führt, was er denn, der Beobachter, je selbst für sich erträumt habe. Als Kind, habe er noch gemeint, «i chönn aus wärde», er müsse es nur fest wollen – «dass i gwüssi Sache nie hätt chönne wärde, han i ersch schpeeter begriffe». So wird die Metamorphose des Ameisenlöwen, für die er selbst nichts kann, zum Sinnbild für den menschlichen Lebensentwurf, der mal gelingt, mal misslingt und oft nur, wie beim Käfer, in vorgespurten Bahnen verläuft. Sicher ist aber: «für Fuessbauprofi bin ig itz eidütig z aut».

Guy Krneta will nicht predigen, selbst von der Materie fasziniert will er die Neugier für die Sensationen am Wegrand wecken, die womöglich übersehen werden, in denen sich aber die Welt spiegelt, und damit auch deren Wunden, beispielsweise durch den Klimawandel. Auch beim Beobachten der allzu menschlichen Gewohnheiten lässt er sich gern zum Philosophieren verführen. Mit seinem Witz nimmt er die Leserschaft mit auf diesen Weg.

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