Selbstverlust und Neusortierung

Tobias Lambrecht über «Bleibender Schaden» von Andrea Gerster

Ausweglosigkeit ist nicht unbedingt ein Thema, das auf reissenden Absatz im Buchmarkt hoffen darf. Ich kenne Menschen, die weder «ernsthafte» Filme schauen, noch Romane lesen, aus Angst, dass diese sie betroffen und traurig machen könnten. Keine schlechte Frage: Warum soll ich etwas lesen, das mich runterzieht? Die Frage kann man auch umgekehrt stellen: Wie vermittle ich jemand anderem, was zum Beispiel an Sylvia Plaths The Bell Jar (Die Glasglocke) lesenswert und gut ist? Der Text stellt schliesslich in einer unerbittlichen Konsequenz das Absinken einer jungen Frau in eine Depression dar, die sie langsam erstickt.

Ohrfeigen und Schlaganfall

Andrea Gersters neuer Roman Bleibender Schaden kündigt im Titel einen nicht wiedergutzumachenden Unfall an. Der Text kommt dann auch schnell und brutal zur Sache: Die im Pflegeberuf arbeitende Anda wird an ihrem Arbeitsort von einem Patienten ins Gesicht geschlagen, die Hintergründe der Tat bleiben vorerst unklar. Aus der Bahn geworfen versucht sie, den Eklat zu ignorieren und eine Art geduckten Alltag weiterzuleben. Schon am nächsten Abend geschieht ein weiteres Unheil: Ihr Mann Luk liegt bewegungslos neben dem heimischen Staubsauger, wahrscheinlich Schlaganfall. Anda reagiert professionell – Pulsfühlung, Seitenlage, Notruf –, aber im Verlauf des Geschehens wird deutlich, was in ihrem Leben sonst noch alles nicht in Ordnung ist: Eine Nachricht von Luks (angeblich verflossener) Affäre erscheint auf dem Handy-Bildschirm, Andas stressbedingtes Alkoholproblem wird angedeutet, Zukunftsängste mit ihrem Mann als Pflegefall im jahrelangen Koma machen sich breit. Anda erleidet einen Schock:

Wo blieb der Krankenwagen? Ich spürte Panik aufsteigen. Keine Panik jetzt, keine Ängste. Ich hatte mir selbst beigebracht, damit umzugehen, sie im Zaun zu halten. Ich hatte sowieso ein neues Leben anfangen wollen, von dem noch niemand wusste, auch Luk nicht, weil er darin keine Rolle mehr spielte. (S. 17)

Nach diesem Auftakt gliedert sich der Text dann in verschiedene Erzählstränge: Einerseits in einen Monolog an den bewegungsunfähigen, aber möglicherweise noch wahrnehmungsfähigen Luk, in dem die in verschiedener Hinsicht schon seit Langem ruinierte Beziehung aufgearbeitet wird, andererseits imaginiert Anda (wahrscheinlich?) eine traumhafte Flucht aus ihrer beengenden Partnerschaft. In diesem zweiten Erzählstrang macht sich Anda auf zu einem neuen und besseren Leben. Wohin? In den italophonen Süden. Was erlebt sie dort? Südländische Herzlichkeit, eine Romanze mit dem schönen Dichter Rafaele, Brioches zum Frühstück:

Nach Dienstschluss spaziere ich im weitläufigen Park, fotografiere mit dem Handy die Gebäude, die im Halbkreis stehen, einladend wirken und von hohen Palmen und bunten Blumen gesäumt sind. Ich entdecke einen wilden Kräutergarten. Fast zu schön ist es hier, ich werde Mühe haben, dies auszuhalten. (S. 36)

Eskapismus und Lakonik

Dass es auch mit dieser eskapistischen Fantasie nicht ganz klappen will, versteht sich beinahe von selbst. Immer wieder holt die Wirklichkeit ihre Tagträume ein, immer wieder bestimmt die traumatische Vergangenheit mit Luk den imaginierten Alltag im Kioskroman-Tessin, in dem sich Anda sogar rein gedanklich das Glück versagt. Das ist ganz schön viel Elend auf einmal, und obwohl der Anfang problemüberladen wirken könnte (Gewalt am Arbeitsplatz, Alkoholismus, Burnout) und in dem Erinnerungsmonolog Andas immer noch weitere Schicksalsschläge hochkochen (Ehebruch, Vergewaltigung in der Ehe, Gaslighting, Entfremdung der inzwischen erwachsenen Kinder), macht der Text in seiner Lakonik absolut plausibel, dass solche Probleme in einem Menschenleben typischerweise eben nicht isoliert auftreten. Im von mosaikhaften Erinnerungen geprägten Erzählfluss wird aufgezeigt, dass und wie traumatische Erlebnisse zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen und Betroffene in Abwärtsspiralen stürzen, aus denen sie nicht aus eigener Kraft wieder herausfinden können. Das gelingt durch eine absolut beeindruckende Informationsverteilung, die die Schwierigkeiten nach und nach auseinanderfaltet und auch den dargestellten Schock-Zustand von Anda erzählerisch auf eindringliche Weise nachfühlbar macht – Dinge fehlen, sind unsicher, werden nachergänzt. Tatsächlich: unzuverlässiges Erzählen nicht als Selbstzweck, sondern als von der Erzählsituation motivierter Kunstgriff.

War da ein Martinshorn? Endlich der Krankenwagen. Doch nein, ich täuschte mich, es blieb still. Wein zur Beruhigung. Wie würde das aussehen. Die Frau Wein trinkend neben dem bewusstlosen Mann. Ich konnte im Moment sowieso nichts tun, was also sprach dagegen. Gegen ein kleines Glas Wein. (S. 20)

Diesen sparsam erzählten, teilweise pointillistischen Eindrücken entgegengeschnitten sind die Passagen des imaginierten ‘besseren Lebens’. Doch gerade die Kitsch-Passagen aus dem Tessin deuten in ihrer gedämpft banalen, sprachlich vom Hauptstrang abgesetzten Gestaltung ein Grundthema des Textes an: Dass Anda sowohl in ihrem alten, wie auch in dem neuen, möglicherweise nur vorgestellten Leben nicht anders als in Schablonen von Lebensentwürfen denken kann, die einfach nicht auf ihre Lebenswirklichkeit passen.

Zweihundertsechzig Rolltreppen

Deshalb ist Abwärts-«Spirale» für Andas Abgleiten eigentlich auch das falsche Wort. Anda ist besessen von Rolltreppen, die als tragendes Motiv auf die eingespurten Lebensmodelle hinweisen, in die Anda sich selbst einschliesst, und in denen es entweder hoch oder runter geht: «In Prag gibt es zweihundertsechzig Rolltreppen, fünfzig habe ich während einer einzigen Städtereise geschafft» (S. 21). Wie entkommen Betroffene solchen fliessbandartigen Denkmustern, die ins Elend führen?

Ich werde mir eine kleine Wohnung suchen und mich schnell in der Rolle einer alleinstehenden Frau zurechtfinden, einer Frau in mittlerem Alter, nicht mehr jung genug, um wirklich neu zu beginnen, aber auch noch nicht zu alt dafür. Ich werde so eine werden, die morgens zur Arbeit geht, abends zurückkommt, eine, für die sich niemand interessiert, jedenfalls kein Mann. So eine, die an den Wochenenden die Haare nachfärbt, die Augenbrauen zupft, eine Feuchtigkeitsmaske auflegt, Achseln und Beine rasiert, die Wohnung aufräumt und die Wäsche macht. Und sich Träume und Reue verkneift. Oder so eine, die Vernissagen besucht und sich auf die Häppchen und das Glas Wein danach freut, die kurze Sätze mit den Anwesenden austauscht, vor einem Kunstwerk oder am Büffet. So eine, die jeder Frau, die auch allein gekommen ist, aus dem Weg geht, weil sie eine Begegnung mit ihrem Spiegelbild vermeiden möchte. (S. 22)

Andrea Gerster hat mit Bleibender Schaden einen wirklich überraschenden Text verfasst, dessen Ansatz und furioser letzter Abschnitt bitter wirken könnten. Mit einfacher, präzise eingesetzter Sprache stellt sie dar, wie die Protagonistin von gesellschaftlichen und persönlichen Erwartungshaltungen und Zwängen aufgerieben wird, ohne dass der Schluss eine Resignation zulässt – eine bis zuletzt mitreissende Lektüre. Diesem schmalen, einschneidenden Roman über Selbstverlust und Neusortierung ist die gebührende Aufmerksamkeit nur zu wünschen.

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