Ein Tag für alle knüpft an Judith Kellers Debüt Die Fragwürdigen an, das 2017 mit seiner doppelsinnigen Wortwörtlichkeit überraschte und nebst guten Kritiken auch mit einer Auszeichnung durch die Stadt Zürich belohnt wurde. In ihrem jüngsten Buch versammelt sie abermals einen Reigen von traumwandlerisch schrägen Geschichten, Szenen oder manchmal auch nur lapidaren Sätzen. Das Spiel mit der Sprache spielt dabei wiederum eine tragende Rolle, die Autorin jongliert mit Mehrdeutigkeiten oder Spiegelungen wie im Fall von Isolde. Als der Zweifel an ihre Tür klopfte, zweifelte sie daran, «ob es überhaupt nötig war, dass er klopfte».
Manchmal sind es bloss unscheinbare Verschiebungen oder Auslassungen, die neue Lesarten eröffnen. Immer wieder von neuem fällt Odile in «ein tiefes Schaf», oder nagt und schmatzt in Claudine der beissende Spott. Das Leben ist auch eine Frage der Erwartung. Deshalb beachtet die Frau, die durch den Wald geht, den Löwen mit keinem Blick, weil er sich im falschen Biotop bewegt, anstatt im Zoo. Immer wieder erzählt Judith Keller davon, wie wir Dinge überscharf erkennen, ja durchleuchten, und uns gleichzeitig durch unsere Wahrnehmung betrügen lassen.
Alles hat dabei seinen Platz – und wehe, wenn nicht. In einer etwas längeren Betrachtung verstösst Colette gegen alle Regeln, als sie in der Kunstgalerie ein Apéro-Wurstbrett, um schnell in den Mantel zu schlüpfen, auf einen Drehtisch legt und so dessen Kunstwert entheiligt – handkehrum wird das Wurstbrett selbst zur Kunst, dessen Kerben an die in Wurst verwandelten Kühe und Schweine erinnern. Als Colette die Galerie verlässt, ist ihr «leicht schwindlig».
In schnellem Rhythmus reiht dieser Band verwirrende Erfahrungen, Geschichten mit schrägem Witz, heitere Paradoxien und träumerische Irritationen aneinander. Die meist namentlich genannten Protagonisten heissen Odile, René, Clemens oder Leonard, sie hadern alle mit simplen Alltäglichkeiten. Charlottes «Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Aber sie hätte gern andere gehabt.» So wehren sie sich mal verzweifelnd, mal treuen Glaubens gegen die Zumutungen der vergehenden Zeit, mit der ihnen nicht selten auch die Träume und Wünsche davonlaufen. Der «Nachhaltigkeit zuliebe» will John deshalb die Zukunft so anpacken, dass er sich nur noch erträumt, was er erlebt hat. Fritz dagegen «freut sich schon auf morgen», nachdem er den ganzen Tag Vergangenheit produziert hat. In diesen kurzen Texten gesteht Judith Keller ihren Figuren auch schon mal zu, dass ihr Wirklichkeitssinn ausser Rand und Band gerät. Manchmal ist das sogar hilfreich.