Requiem auf eine ungestillte Leidenschaft
Beat Mazenauer über Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer
Eine Frau und ein Mann. Er macht Karriere, sie bleibt eine Erinnerung. Urs Widmers Roman Der Geliebte meiner Mutter schildert eine beinah normale kleine Tragödie.
Requiem auf eine ungestillte Leidenschaft
Vielleicht war es der Börsencrash, der 1928 auch ihr privates Glück zum Einsturz brachte. Ihr Vater, Vizedirektor einer Maschinenfabrik, verlor an diesem Tag sein Vermögen und raubte ihr so das Zukunftskapital. Sie, damals noch die «kleine Mutter» des Erzählers, wurde dies freilich kaum gewahr. Mit Engagement diente sie weiter dem Jungen Orchester als «Mädchen für alles», das Charisma des Dirigenten Edwin schlug auch sie in Bann. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hatte er seine Versuche, ein Instrument zu beherrschen, abgebrochen und dafür seine Berufung als Taktgeber gefunden. Edwin verstand Musik zu lesen wie andere Bücher, mit seinem Jungen Orchester sorgte er zuerst für Aufruhr und bald schon für Aufsehen. Die Mutter hatte daran Teil, doch ihr Verhältnis zu Edwin war ein ungleiches. Ihre Liebe wurde mit zerstreuter Zuneigung und am Ende mit herber Abwehr vergolten. Dann heiratete Edwin die Haupterbin der besagten Maschinenfabrik. Wenig später heiratete auch sie, irgendeinen namenlosen Mann, mit dem sie ein Kind hatte - der Erzähler. Es blieb ihr fremd, eine schmerzliche Erinnerung daran, dass Edwin sie einst zur Abtreibung des gemeinsamen Kindes gezwungen hatte. «Edwin» blieb ihr lebenslang Mysterium und Martyrium.
Die Geschichte dieser Frau, die «Mutter» heisst …
Die Geschichte dieser Frau, die «Mutter» heisst, und ihrer ungestillten Leidenschaft ist eine kleine, äusserlich fast unscheinbare Tragödie. Einzig die periodischen Zusammenbrüche, die in irgendeinem Sanatorium behoben werden, deuten auf eine Intensität hin, die Urs Widmer raffiniert einlöst, indem er auf alles Pathos verzichtet. «Der Geliebte meiner Mutter» ist ein wundersam schlichtes und gerade deshalb ergreifendes Buch. Mit sicheren, knappen Strichen zieht Widmer die Familiengeschichte Edwins und der Mutter nach, verfolgt deren männliche Linien zurück in die familienmythischen Urgründe. Während diesen die Frauen Kraft verliehen, starben die Männer reihenweise an Schlaganfällen. Einzig Edwin überlebte, als reichster Mann des Landes und als gefeierter Förderer der neuen Musik.
Die Stärke seines Romans liegt in den kleinen Zeichen …
Widmer erzählt unprätentiös, zurückhaltend. Die Stärke seines Romans liegt in den kleinen Zeichen und feinen Andeutungen. Die Mutter heiratet, doch von einem Mann ist nur einmal die Rede, anlässlich seines Todes. Und die Weltgeschichte wird aus ihrer unwissenden Perspektive nur in Nebenbemerkungen, doch höchst effektvoll transparent: Mutter streute im Garten Gift und Hitler bombardierte Coventry. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, oder doch?
Wenn ein Schwachpunkt …
Wenn ein Schwachpunkt zu benennen ist, der sich in der Rezeption als verhängnisvoll erwiesen hat (siehe Pressecho) dann die, dass sich Edwin als Schlüsselfigur anbietet. Von Beginn an schiebt sich die reale Gestalt Paul Sachers vor jene des Geliebten, mit dem Effekt, dass Daten und Fakten fast unwillkürlich mit dessen Lebenstatsachen verglichen werden, auch wenn sie sich nicht decken. Dieses Rätselspiel bleibt indes zwiespältig, weil der Geliebte so zu Unrecht mehr Aufmerksamkeit beansprucht als die Mutter, die eigentliche, die tragische Figur dieses Buches. Ihr will das Erzähler-Ich mit seinem «Requiem» beikommen. Edwin bleibt im Grunde wie alle Männer Staffage: eine Figur aus Erinnerung und Phantasma im Kopf der Mutter.
Dem Erzähler-Ich geht es vielmehr um die ambivalente Beziehung, die die beiden miteinander verband wie trennte: «Ihr Kind floh vor ihr, ich, und reckte ihr dennoch die Ärmchen entgegen.» Damit ist beinahe schon alles gesagt. Was immer die Mutter in Sachen Liebe zu ihrem Kind versuchte, es gelang ihr nicht. Das Faszinosum Edwin, das am Ende als Hauch von den Lippen der Mutter entwich, als sie 82-jährig aus dem Fenster sprang, dieses Faszinosum raubte der Mutter-Kind-Beziehung die Luft.
In dieser ambivalenten Beziehung sind die lakonische Knappheit und der stellenweise burleske Übermut begründet, mit denen Widmer sein Ich erzählen lässt. Dabei gelingen ihm Zwischentöne, die eine Lebentragödie ohne Schwermut zu schildern vermögen.
Mit phantastischen, irrwitzigen Geschichten und helvetisch-exotischer Fabulierkunst hat Urs Widmer seinen literarischen Ruf begründet. In den letzten Jahren befestigt er diesen mit einer verfeinerten Komik. Die Phantastik ist freilich nicht aus seinen Büchern verschwunden, nur maskiert sie sich alltäglicher und damit poetischer. Der Geliebte meiner Mutter stellt dies eindrücklich unter Beweis.