Porträt einer Mentalität

Beat Mazenauer über Herr Blanc von Roman Graf

Der 30jährige Roman Graf wartet mit einem erstaunlichen Debüt auf. Herr Blanc erzählt von einem ebenso rechtschaffenen wie rechthaberischen Menschen, der sich selbst so sehr in die Pflicht nimmt, dass er darin ein Gefangener bleibt. Was auf den ersten Blick bekannt und abgegriffen wirkt, erhält in diesem Roman neue, blitzend komische Facetten.
«Wäre ich doch nur ein anderer geworden» – der kühne Gedanke bleibt verdeckt und unausgelebt – zwangsläufig. Denn Herr Blanc ist einer, der gerade nicht aus seiner Haut kann. Herr Blanc lebt ein unscheinbares Leben. Er verrichtet seine Arbeit bei den Städtischen Verkehrsbetrieben, zweimal wöchentlich isst er bei der Mutter und er trinkt gerne Tee. Vor langer Zeit studierte er – auf Wunsch seines verstorbenen Vaters – in Cambridge, wo er Heike kennen lernte. Nach dem Tod seiner fürsorglichen Mutter ist er mit Vreni verheiratet. Heike aber bleibt sein Ideal.
Dieses Leben ist mehr als eine Geschichte. Es ist ein Zustand, der aufs Genaueste ausgelotet werden muss, damit er kenntlich wird. Ein Kreisen von Ahnungen, Ängsten und Gedanken auf kleinstem Raum charakterisiert den pedantischen Herrn Blanc. Sein Lebensmut ist begrenzt, erst wenn er «die hundertprozentige Sicherheit hatte – schlug er zu».
Diese Figur mag auf den ersten Blick unspektakulär und literarisch hinreichend bekannt erscheinen. Doch nicht sie macht dieses Buch zum Lektüreerlebnis. Seine Raffinesse besteht vielmehr darin, dass der Autor den Helden in einen träge sich verquirlenden, verdichtenden Kokon von Beobachtungen und Gedanken einspinnt. Die Sprache selbst steuert die filigrane Prosa. Jedes Detail wird akribisch hin und her gewendet. Damit der Autor selbst dabei die Oberhand behält, rückt er seine Figur in die dritte Person. Herr Blanc gibt hier keinen inneren Monolog preis, vielmehr werden seine Denkfiguren vom Erzähler aus beobachtender Optik sorgfältig abgezirkelt.
Im Titel erinnert der Roman an Paul Valérys Monsieur Teste. 1925 schrieb Valéry: «Ich war von dem akuten Leiden Präzision befallen.» Auch wenn Roman Grafs Text anders funktioniert, verbindet ihn mit Valéry diese leidenschaftliche Präzision. Herr Blanc lässt ein gut bekanntes Sujet differenziert und gekonnt in neuem Licht erscheinen. Die Sprache zwingt die Titelfigur in einen narrativen Sog, der ihn genauer darstellt als er sich selbst kennt.
Trotzdem bleibt der Roman leicht und vergnüglich lesbar. Herr Blancs Common sense wirkt beunruhigend normal, gelegentlich sogar souverän. Manchmal könnte man diesen Herrn fast mögen, auch wenn seine egoistische, kleinbürgerliche Pedanterie beunruhigt. Sie schwankt bedenklich zwischen Anpassung und Auflehnung und verklärt die Vergangenheit (allem voran Heike) mit helvetischer Gründlichkeit. Vor allem darin verrät Herr Blanc typisch schweizerische Züge. Roman Graf hat sie genau festgehalten. Sein Roman porträtiert präzise eine beengende Mentalität, für die der Held Allgemeingültigkeit beansprucht. So hat es auf der ganzen Welt zu sein! Das Beunruhigende daran ist nur, dass sich Herr Blanc um die Ansprüche, die er an andere stellt, selbst foutiert. Die Rechtschaffenheit verengt ihm den Blick, die Herzenssache wird zur Pflicht – und umgekehrt. So beschreibt Roman Graf nachgerade auch eine Schweizer Realität, die seinen Roman immer wieder zu bestätigen scheint.

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