Nie nicht bei Ingold

Beat Mazenauer über «Märzember» von Felix Philipp Ingold

Wo Klaus Merz zur kleinsten Form tendiert und Zsuzsanna Gahse ihre Beobachtungen streng zeilenweise ausrichtet, neigt Felix Philipp Ingold in seinem Band Märzember zu einem ausschweifenden, ja zuweilen ekstatischen Zeichen- und Zeilenfluss. Auf über 200 Seiten mischen sich bei ihm lockere Spruchweisheiten, bedachte Wortspiele, präzis gesetzte Zeilen zu einem lyrischen Parlando, das sich an den inhaltlichen Motiven Nacht, Finsternis, Abgrund und Tod ausrichtet. Der titelgebende «Märzember» wird zum Begleiter des Winters, indem er den Sommer unausgesprochen ein- und verklammert.

Denn nie
hat die Sonne keinen Erfolg. Niemals
kriegt sie ihre Nacht zu sehn.
Und wird für immer so schön scheinen
dass keiner jemals ihren Tod
bemerkt.

Charakteristisch an diesem Zitat ist die doppelte Verneinung nie-nicht, die dem Band eine befangene Affirmation verleiht, mit der «die schlechte Hiesigkeit – meist Realität genannt» bedacht wird. Gleich anschliessend: «Das Verstehn kommt (wenn's kommt) hakenschlagend nie nicht hinterher». Ins selbe Motiv stossen die Zeilen:

Zu trauen
ist einzig den Schatten – sie schaffen
das Licht und behaupten
die Sonne.

Sie stammen aus dem vielleicht schönsten Kapitel «Mit andern Worten (wie denn sonst)». Darin schliesst sich ein vielstrophiges Gedicht um (kursiv angezeigte) Zitate aus Kafkas Werkentwürfen und Tagebüchern, in denen die düstere Motivik mit einem verspielt elegischen Tonfall kontrastiert.

Dichterische Anleihen (etwa bei Rimbaud), philosophisches Blinzeln, Wortwitz («Unterstand – von understatement») und ein allgegenwärtiges Memento mori kugeln lebhaft durcheinander. So erweckt dieser Band mit Texten aus den Jahren «2022 bis 2015» übers Ganze hinweg einen impulsiven, zugleich unkonzentrierten Eindruck, getreu dem, was Ingold ganz zuletzt bemerkt: «Mir kommt's mehr auf das Schreiben an als auf's Geschriebene». Ausgerechnet der strenge Formalist Ingold lässt es hier an Formstrenge vermissen. Die Gedichte fransen gerne ins leichthin Hinzugefügte aus und und erwecken den Eindruck des spontan Hingeworfenen. «Oft wissen Kalauer mehr / als die älteren Weisheiten» – mag sein, aber sie klingen nicht selten auch unausgegoren bis zum «Gehtnichtmehr» (einer gern verwendeten Redefigur). Ingolds Gedichtband bleibt so ein Buch zum punktuellen Hineinlesen, mal hier, mal da, serendipitös, auf der Suche nach Sentenzen, die im entsprechenden Moment perfekt passen: «im Fall der Fälle» – und durchaus verwandt mit Klaus Merz' «unsere Aufgabe bleibt die Aufgabe».

Aus: Poesie und Prosa: fliessende Grenzen. Klaus Merz, Zsuzsanna Gahse, Felix Philipp Ingold, ein Fokus von Beat Mazenauer, viceversaliteratur.ch, 4.12.2023

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