Mit der Grammatik zur Freiheit

Beat Mazenauer über Wilhelm Tell in Manila von Annette Hug

1970 erzählte Max Frisch den Wilhelm Tell für die Schule mit neuzeitlicher Ironie und sparte dabei nicht mit kritischen Anmerkungen. Er verlieh dem alten, durch Schillers Drama popularisierten Stoff einen neuen politischen Dreh. Inzwischen ist Tell wieder im nationalkonservativen Milieu abgetaucht. In ihrem Roman Wilhelm Tell in Manila beweist die Autorin Annette Hug allerdings, dass mit dem helvetischen Stoff durchaus noch etwas anzufangen ist. Um ihm neue Aktualität und offene Weite zu verleihen, nimmt sie Bezug auf eine historische Persönlichkeit: José Rizal (1861-1896). Der bei uns unbekannte Arzt und Schriftsteller gilt auf den Philippinen als «Nationalheld», dessen Tag der Hinrichtung am 30. Dezember 1896 als Nationalfeiertag begangen wird. Im Dreieck von Deutschland, der Urschweiz und den Philippinen situiert Annette Hug ihren Roman über Freiheit und interkulturelle Differenzen. Sie verfolgt und verknüpft dabei mehrere Erzählspuren. Sie erzählt, wie José Rizal 1886 in Deutschland weilt, um sich als Augenarzt weiterzubilden. Angeregt durch das geistige Klima setzt er sich intensiv mit den Philosophen der Aufklärung sowie speziell mit Schillers Drama Wilhelm Tell auseinander, das er in seine Muttersprache Tagalog übersetzen will. Eigentlich hat sich sein Bruder auf den Philippinen eine Übersetzung von Maria Stuart gewünscht, doch José Rizal zieht den Wilhelm Tell vor. Die Nacherzählung des Stoffes hilft ihm, dessen historische Dimension präziser zu verstehen, um ihn nicht nur in die eigene Muttersprache, sondern auf die heimischen Verhältnisse zu übertragen, damit der Stoff da verständlich würde.

Diese Erzählstränge verknüpft Anette Hug aufs Engste miteinander, um jenseits aller kulturellen Differenzen die Gemeinsamkeiten zwischen der Urschweiz um 1300 und den Philippinen unter spanischem Kolonialregime um 1885 herauszuschälen. Zuhause zählt Rizals Familie zur regionalen Oberschicht, dennoch ist sie nicht verschont geblieben. Aufgrund dubioser Anschuldigungen war die Mutter zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das sollte dem Sprössling erspart bleiben, deshalb hat ihn der ältere Bruder ins Ausland geschickt. Postalisch halten sie regen Kontakt. Das Spannungsfeld von Freiheit und Unterdrückung, wie Schiller es beschrieb, betrifft José Rizal also persönlich. Das Tell-Drama widerspiegelt gewissermassen die eigene Situation, die er mit seiner Übersetzung zu reflektieren versucht – fragt sich bloss, ob er auch ein Tell ist. Um kein Unglück heraufzubeschwören, rät ihm der Bruder dringend ab, heimzukehren. Nebst seiner Arbeit an der Universität feilt José Rizal so in seiner Freizeit an der Übersetzung.

Gegen Ende des Jahres 1886 dünkt sie ihn so gut gelungen, dass er sie aus Leipzig nach Hause schickt, doch dort stösst sie auf keine grosse Begeisterung. «Ganz passabel», antwortet ihm der Bruder, «wenn man bedenkt, dass du den Dialekt seit mehr als vier Jahren kaum mehr benutzt, aber einige Passagen sind unverständlich, sehr weit vom Duktus des Tagalischen entfernt». So bleibt die Arbeit das Ziel, deren wir in diesem Roman Zeuge werden.

Nach hartnäckigem Drängen kann José Rizal 1887 zurückkehren. Zehn Jahre später brach in Manila der Aufstand aus und zog auch ihn mit in den revolutionären Sog. In der Auseinandersetzung war er kein einzelgängerischer Tell, eher ein besonnener Stauffacher, der auf die Kraft von Bildung und Volkshygiene setzte. Die Zurückhaltung half nichts. 1896 wurde José Rizal als «angeblicher Hauptführer des philippinischen Aufstands» hingerichtet.

Um den Volkshelden Rizal, um Schillers Freiheitshelden Tell und ums Übersetzen dreht sich Annette Hugs Roman. Der Urschweizer Tell-Stoff sträubt sich auf mannigfache Weise gegen eine Übertragung ins Tagalische. Ihm fehlt es zum einen an den richtigen Worten. Als Sprache der Einheimischen hatte sich Tagalog damals kaum vom kolonialen Spanisch emanzipiert, dem auch die regionale Oberschicht, zu der die Familie Rizal gehörte, verpflichtet war. Hinzu kommt, dass Tagalog ist in vielem anders aufgebaut ist als die europäischen Sprachen. Im ihm wird beispielsweise unterschieden, ob im Plural viele simultan dasselbe für sich tun oder ob sie es im Kollektiv tun. Auch des Personalpronomen «wir» kennt zwei Übersetzungen, so dass der Übersetzer entscheiden, ob das «wir» des alten Attinghausen alle Anwesenden mit einschliesst («tayo») oder nur einen ausschliessenden pluralis majestatis («kami») meint. Noch gravierender sind die lexikalischen Probleme – und zugleich auch erhellend, denn Fragen nach der Übersetzung von «Bund» oder «Gletscher» (Steinregen?) oder «Freiheit» sind inhaltlich von distinktiver Bedeutsamkeit.

Indem Rizal den Stoff für sich passagenweise nacherzählt und von allen Seiten ausleuchtet, lässt er auch den helvetischen Mythos in neuem Licht erscheinen. Der koloniale Zusammenhang wirft seinen Schatten auf die Urschweiz zurück. Das Aneinanderreiben von zwei historischen Kontexten und zwei sprachlichen Systemen erzeugt gegenseitig Funken. Genau darin liegt der besondere Reiz dieses Buches. Auf der Grundlage von historischen und neuzeitlichen Quellen zu Leben und Werk Rizals legt Annette Hug einen historischen Roman vor, der Mythos, Geschichte und Aktualität originell und clever miteinander in Beziehung setzt. Dabei kommt der Autorin zugute, dass sie nicht nur in Manila studiert hat und über gute Kontakte zu den Philippinen verfügt, sondern sich auch in der dort heimischen Sprache Tagalog auskennt.

Mehr zu Wilhelm Tell in Manila