Misere mit ein wenig Glück
Beat Mazenauer über «Achtzehnter Stock» von Sara Gmuer
Wo sind wir zuhause? Da, wo wir sein möchten, oder da, wohin es uns verschlägt? Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft leicht eine schwer zu überbrückende Kluft. Davon erzählt Sara Gmuer in ihrem rasant pulsierenden Roman Achtzehnter Stock. Wanda ist nicht für den Plattenbau geboren, sie ist eine Schauspielerin mit Ambitionen, bloss harzt es seit einiger Zeit mit Engagements. Deshalb bewohnen sie und ihre fünfjährige Tochter Karlie eine schäbige Wohnung im achtzehnten Stock eines Wohnturms im Berliner Osten. Eigentlich ist diese Bleibe nur von ihrem Onkel geliehen, der sein «Juwel» untervermietet und bei der stets klammen Wanda regelmässig die Miete einfordert.
Der Alltag ist also prekär, genauso wie das Umfeld. Pandemie, Lockdown und Impfzwang hallen nach. Während Karlie mit Aylem durch die Siedlung schwirrt, tauscht sich Wanda mit Aylems Mutter, die namenlos bleibt, mit Ming und Esther aus. Sie stehen einander bei, auch wenn aus ihnen keine Freundinnen werden, dafür sind ihre Lebensentwürfe doch zu ungleich. «Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt», sinniert die Erzählerin: «Ganz anders. Ich wollte nie so werden wie die anderen hier.» Aber eben: Wohin gehört der Mensch? Und wie färbt die Umgebung auf einen ab?
Man wird zu den Menschen, mit denen man die meiste Zeit verbringt. Man wird eins mit der Umgebung, wie Fetzenfische zwischen Korallen oder hässliche Gespenstschrecken auf irgendwelchen Ästen. Man gleich sich an, bis man sich am Ende selbst nicht mehr sieht.
Dann scheint Wanda aber doch das Glück zu winken. Sie überzeugt bei einem Vorsprechen und bekommt eine Rolle an der Seite des umschwärmten Adam Ezra versprochen. In der Netflix-Serie Psalm soll sie die treue Anhängerin eines Pastor-Gurus spielen. Auf der anderen Seite des Lebens, im schicken Gourmettempel Bellmann und in der Jugendstilvilla des aufgeblasenen Moguls Wilhaus wird das Engagement besiegelt.
Nur allzu schnell geraten sich Glücksversprechen und Mutter-mit-krankem-Kind gegenseitig in die Quere. Wanda weiss genau, dass es ihn nicht gibt, «diesen scheiss Hut, in dem Kind und Karriere Platz haben». Zwischen Filmbohème und Plattenbau wird sie auf einer Achterbahn der Gefühle herumgeschüttelt, bis der Traum zu platzen droht, dann doch wieder wahr wird. Wanda spielt die schwülstige Rolle so überzeugend, dass sie darin «wie durch eine Falltür» verschwindet und damit auch aus der Rolle der coolen Schauspielerin fällt und nach einem Fiasko auf dem Filmset gleich beide Rollen verliert. Die Serie wird ohne sie zu Ende gedreht. Immerhin, oh Wunder, wird ihr die ganze Gage ausbezahlt. Davon gönnt sie sich mit Karlie ein behagliches Hotel im Westen der Stadt und ein paar schöne Dinge.
Das Auf und Ab in Wandas Karriere erzählt Sara Gmuer im schmissigem Tempo zwischen Ernst und Sarkasmus, zwischen Hartz-4-Prekariat und künstlerischen Ambitionen. Dass die Autorin nicht nur auf Erfahrungen als Schauspielerin, sondern auch als Rapperin zurückgreifen kann, kommt dem rasanten, aufgerauten Erzählton zugute, in dem die Sprache des Kiezes nachhallt. Die Sätze sind kurz und pointiert und mit Punkt und Komma stakkatohaft rhythmisiert. Das verleiht ihrer Sprache eine Atemlosigkeit und Dringlichkeit, die sich in präzisen Beobachtungen und witzigen Szenen aus dem Plattenbau widerspiegelt und die Lesespannung hoch hält.
Aylins Mama holt Milch aus dem Kühlschrank. Kondensmilch. Hauptsache haltbar. Sie ist auf alles vorbereitet. Nur nicht auf echtes Glück. Ich schaue sie von der Seit an. Sie war mal mal hübsch, aber hat es vergessen. ich will nicht so werden wie sie.
Wenn daraus dennoch ein leiser Vorwurf erwächst, so der, dass dieses Erzähltempo die schwankende Gefühlslage der Erzählerin zuweilen plattzumachen droht und die Sprüche die Verhältnisse zu sehr überzeichnen. Realistisch ist solche Zuspitzung nicht, und natürlich schwingt in der scharf gezeichneten Gegenüberstellung der beiden sozialen Milieus auch ein Quäntchen antagonistischer Sozialromantik mit, die der Heldin einen verführerischen Ausweg ins konventionelle Happyend in Aussicht stellt. Übers Ganze und im Kern aber gelingt es Sara Gmuer eindrucksvoll, das doppelte Gesicht der Armseligkeit herauszuschälen: hier die solidarische Nachbarschaftshilfe im Plattenbau, da das mondäne Getue der Kulturelite, die ihre Einsamkeit nicht verbergen kann.
Wanda weiss insgeheim schon, dass sie «nur dieses eine Leben» hat, in dem die Armut familiär vererbt wird. Aber was heisst hier Armut? Überheblichkeit ist eine armselige Tugend auch im Wohlstand, Solidarität dagegen ein Reichtum, wo immer sie gepflegt wird. Beispielsweise bei der empathisch gezeichneten Mutter von Aylin, die immer genau dann da ist, wo Hilfe benötigt wird.
Das Glück liegt nicht im hohlen Traum vom andern oder der andern liegt, sondern in der Suche nach dem Eigenen. Karlie hat dafür das untrüglichere Gespür als Wanda, die ihren Träumen von Starruhm nachhängt, sich zuletzt aber doch ihrem Stolz beugt. Unwohl in dem wohligen Hotel will Karlie einfach «nach Hause» – auf die Platte. Tatsächlich ist auch da ein Aufstieg möglich. Die beiden beziehen eine neue Wohnung im 19. Stock mit Dachzugang. Hier scheint die Sonne etwas heller zu scheinen als ein Stockwerk darunter. Und vielleicht, wer weiss, ergibt sich da droben ja etwas zwischen Wanda und Adam. Aber erst in der zweiten Staffel.