Nachdem die Schwestern Alma und Judith, gegen Ende zwanzig, ihre Mutter verloren haben, geht es ums Sichten und Ausmisten der Hinterlassenschaften in der Stadtberner Altbauwohnung. Dass ihr Vater sich politisch engagiert hatte, war den Schwestern vage bekannt. Doch als sie sich durch eine Schachtel mit Briefen und Dokumenten arbeiten, machen sie eine Entdeckung. Ruth und Markus, ihre Eltern, lebten bis kurz vor Almas Geburt, während acht Monaten in Nicaragua. Als Teil einer internationalen Brigade unterstützten sie im Jahr 1984 eine Dorfgemeinschaft bei der Ernte und beim Aufbau eines Gesundheitszentrums.
Zur Trauer um die Mutter tritt bei den Schwestern die Irritation darüber, dass dieser aufregende und gefährliche Einsatz für die sandinistischen Revolutionäre innerhalb der Familie nie ein Thema gewesen ist. In der Schachtel finden sich an die Mutter adressierte Briefe eines gewissen Paul, in denen von einer gemeinsamen Lüge die Rede ist – was die Neugier und einen gewissen Argwohn weckt. Die Schwestern beschliessen, sich mit dem kleinen Erbe im Sommer eine gemeinsame Reise nach Nicaragua zu leisten, auf den Spuren ihrer verstorbenen Eltern.
Nicht erst während dieser Reise, sondern durch das ganze Buch, wechselt die Erzählperspektive zwischen Alma, der älteren Schwester, und der Mutter Ruth hin und her. So kennt der Leser die Geschichte des Revolutions-Abenteuers der jungen Eltern immer detaillierter, während er den Töchtern dabei folgt, wie sie die Hinweise zu ihrer familiären Vorgeschichte zu deuten versuchen.
Regula Portillo fängt in ihrem Debut das Nicaragua von damals und heute in einer anschaulichen und wohlrecherchierten Erzählung ein, die nebenbei auch ein hässliches Kapitel aus der Geschichte der US-Aussenpolitik aufrollt. Während die Schwester, der Vater, dessen eventueller Nebenbuhler und weitere Figuren eher schematisch bleiben, gelingt der Autorin eine einfühlsame Gegenüberstellung von Alma und ihrer Mutter als junger Frau.
Insbesondere mit der Ankunft Almas und Judiths in Nicaragua nimmt die Erzählung Spannung auf und entwickelt eine berührende Intensität. Schwirrflug ist ein raffiniert und effektvoll komponierter Roman. Die Dialoge mögen zuweilen etwas platt und fernsehhaft klingen, doch insgesamt ist Portillo ein stilistisch ausgegorenes und lesenswertes Romandebut gelungen.