Maiser [Deutsch]

Beat Mazenauer über Maiser [Deutsch] von Fabiano Alborghetti

Alles hat zwei Seiten, und mitunter sind sie schwer auseinander zu halten. «Zweifach Kinder» heisst ein Kapitel in Fabiano Alborghettis Versepos Maiser:

«Maiser» ist 2017 auf Italienisch erschienen und im selben Jahr mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet worden. Fabiano Alborghetti erzählt darin die Geschichte eines Auswanderers aus Mittelitalien, der mit seiner Frau im Tessin Arbeit und eine Zukunft suchte. Bruno und Fermina war das Glück hold – aber was heisst das schon. Die beiden fanden eine Anstellung, die bezahlt wurde, sie bekamen zwei Kinder, die sie sogar in der Schweiz behalten durften, sie konnten sich ein Auto leisten, um damit im Sommer heim ins Dorf zu fahren: alles mit harter redlicher Arbeit verdient. Das Glück fanden sie erst recht in ihren Kindern. Was Maiser auszeichnet ist seine Form. Alborghetti erzählt seine Geschichte in Versen, die von den beiden Übersetzerinnen Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski in ein geschmeidiges, fliessendes Deutsch übertragen worden sind. Er erinnert damit an Les Murrays Fredy Neptune oder an die Versepen von Derek Walcott, die einen verblüffenden Mittelweg zwischen mythischer Höhe und schrecklichen Abgründen gefunden haben. Maiser steht ihnen in nichts nach. Der Versroman manövriert den Gesang von der Auswanderung eines gewöhnlichen Mannes wunderbar zwischen lyrischem Pathos und alltäglicher Entbehrung und Entfremdung hindurch.

Fabiano Alborghetti bringt in seinem Versepos Poesie und Prosa zu einer Einheit, die genau diesen einen Menschen meint und zugleich ein Menschheitsschicksal erzählt. Der Dichter ist ein freundlicher Begleiter seiner Figuren Bruno und Fermina, er lässt sie die soziale Armut zuhause in Italien, die Feindlichkeit gegenüber den Maisern, den Polentafressern und Tschinggen in der Fremde durchstehen, er lässt sie selbst in schwierigen Situationen die Hoffnung bewahren, sei es auch nur mit einer süssen Erinnerung an die toskanische Heimat. Die frei variierten Verse und der musikalische Rhythmus erlauben Verallgemeinerungen und Lücken, die dem Prosaautor in dieser Form vielleicht verboten wären. Und vor allem erlauben sie eine grosszügige Empathie und Empfindsamkeit, die nie störend wirken, sondern eine Geneigtheit verraten, die Bruno und Fermina in ihrem Schwanken zwischen Mut und Verzweiflung verdienen.

Aus: «Hin und her zwischen den Sprachen», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 01.02.2021

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