Nach der historischen Wende 1989 ist der Julensee südwestlich von Berlin zu einem Anziehungspunkt für stressgeplagte Städter geworden, die sich hierher aufs Land zurückgezogen haben. Georg und Iris haben sich vor ein paar Jahren in Neumühl ihren Traum vom eigenen Haus am See erfüllt, vor drei Monaten aber hat es Iris wieder in die Hauptstadt gezogen. Georg ist mit dem gemeinsamen Sohn geblieben, die Trennung haben er und Iris definitiv vollzogen. Die ländliche Idylle täuscht eine falsche Intaktheit vor. Paare trennen sich, die Kinder werden in der Hektik zu spät im Kinderhort abgeholt, der 16-jährige Tom probt den Aufstand gegen seinen Vater. Alle sind in ein Gespinst von Lügen und verheimlichten Empfindungen eingesponnen. Im Fall von Georg und seiner Geliebten Sanna bricht dieses auf, als Sannas Sohn Nelson verschwindet. Er hätte zum Jahresabschluss der Musikschule vorspielen sollen, aus Angst vor Versagen schlägt er sich in die Büsche. Oder flieht er, weil er Sanna und Georg, seinen Klavierlehrer, beim Techtelmechtel beobachtet hat? Bis tief in die Nacht hinein bleibt er verschollen.
Diese alltäglichen Geschichten vom Julensee deckt ein Ich-Erzähler auf, ein Musikerkollege von Georg, der mit seinem Bericht zur Klärung beitragen möchte: «Es ist ein reichlich verwickeltes Knäuel an Fäden, das hier entwirrt werden muss.» Seine Motivation freilich bleibt diffus, rätselhaft, die eigene Begründung wirkt nicht wirklich klärend, trotz der guten Absichten. «Dass ich ein Voyeur bin. Ein Leisetreter. Dass ich durch Schlüssellöcher spähe und an geschlossenen Türen lausche. Geheimnisse verrate. Das mag alles stimmen. Aber ich mache das, weil ich ihnen damit sagen möchte, dass sie nicht allein sind. Dass es vielen so geht wie ihnen.»
Silvio Huonder arrangiert die verzweigten Geschehnisse dieses einen Tages in neunzig kurzen Kapiteln und fügt sie in Rück- und Vorblenden allmählich zu einem andeutungsweise erahnbaren Ganzen zusammen. Die Sorge um das Wohl des kleinen Nelson dient als roter Faden, der die einzelnen Geschichten und ihre Figuren zusammenhält. Ein böiger Wind, der die Wasseroberfläche des Julensees unruhig aufpeitscht, sorgt für eine stimmige atmosphärische Begleitung. Es ist der «Julenwind». Vor Jahrhunderten wurde hier die Jule von ihrem Mann wegen Untreue an einem Flügel der Mühle aufgehängt. Der Wind rächte sie damals.
Huonder beschreibt mit betonter Zurückhaltung, er lässt seinen Ich-Erzähler die Teile des Puzzles dem Anschein nach sachlich auslegen und ineinander fügen, lässt ihn sich wiederholen und zwischendurch die eigene Rolle wortreich erklären. Das wirkt zuweilen etwas kleinmütig, bieder und klischiert, doch es hat durchaus System. Während die Schuldgefühle reihum aufbrechen und die kleinen Lügen ans Tageslicht gelangen, gerät der Erzähler selbst immer stärker ins Zwielicht. Hat dieser vermeintliche Wohltäter vielleicht selbst etwas zu verbergen?
Dicht am Wasser ist ein stimmiger Roman aus der Provinz, der seine Leser bis zum Schluss in Spannung hält. Am Schluss offeriert der Erzähler eine Auflösung, aber keine Erlösung. Der Julenwind peitscht weiter die Atmosphäre auf.