2006 debütierte Sandra Hughes mit einem literarischen Schelmenstück: Lee Gustavo, in dem sich zum Vergnügen der Leserschaft die abenteuerliche Unerschrockenheit der Heldin in der Sprache widerspiegelte. Vierzehn Jahre später erschien der erste Band ihrer Tessiner-Krimireihe rund um das Ermittlerduo Tschopp & Bianchi. Neu liegt nun deren dritter Fall auf. Der Plan, eine gemeinsame Agentur zu gründen, haben Tschopp und Bianchi noch nicht realisiert. Marco Bianchi steht weiterhin bei der Tessiner Polizei in Dienst, während Emma Tschopp, Ex-Kriminalpolizistin des Kantons Baselland, einer Freundin in ihrem Kindertagesheim im Valle di Muggio aushilft. Die Arbeit mit den Kleinen ist anregend, die Landschaft schön – nichts deutet darauf hin, dass auch hier seltsame Dinge geschehen. Als dennoch eine ausgehungerte unbekannte Leiche zum Vorschein kommt, sind Tschopp und Bianchi gefordert. Die Tote erweist sich bald als Opfer eines grausliches Mordes. Allein, wer ist sie? Die beiden machen sich daran und lösen den Fall mit Spürsinn und Glück. Das Resultat ist so überraschend wie am Ende fadenscheinig motiviert. Interessanter ist, wie Sandra Hughes dramaturgisch vorgeht. Bevor Tschopp und Bianchi überhaupt von der Toten erfahren, werden die Lesenden über die Umstände informiert. Die Autorin sammelt Beobachtungen und Berichte, die in meist kurzen Kapiteln aus der Perspektive von verschiedensten Personen erzählt werden. Sogar Emmas Hund und – in umnebelter Rede – die Tote selbst kommen zu Wort. Dabei pflegt die Autorin einen Erzählgestus, der zweifelhafte Andeutungen gerne spannungsvoll stehen lässt, um Hinweisen auf Geschichte, Gemäuer oder Gebräuche im Tal vom eigentlichen Plot abzulenken. Die Südtessiner Täler zeigen sich als pittoresker Anziehungspunkt für Öko-Aussteiger:innen.
Sandra Hughes' Roman erscheint im Kampa Verlag, der stark auf das Krimigenre setzt. Mehrere Reihen sind hier am Laufen, die als Gemeinsamkeit im Titel jeweils die Region mit einem Hauptstichwort verbinden: Tessiner Verderben, Bündner Abendrot, Engadiner Treibjagd usw. Dies lässt auf eine Serialität schliessen, die im vorliegenden Band erkennbar wird. Der Plot wirkt mässig zwingend und eher wie ein Vorwand für eine Lokalisierung in der Region. Das gelingt Hughes oft anschaulich und informativ. Störend sind zwei Aspekte. Zum einen neigt die Autorin zu stereotypen oder «originellen» Formulierungen wie «gnadenlos in die Mangel nehmen» oder einem Griff zum Aperoglas «mit wundgeklatschten Händen». Zum anderen spielt sich die ganze Handlung im engsten Bekanntenkreis von Emma ab. Um die Spannung er erhalten, heisst eine Figur nur namenlos «Kollege», obwohl die Lesenden darin längst einen der namentlich Verdächtigen erkennen. So gibt sich Tessiner Verderben als Krimi aus, der leicht und locker zu lesen ist, ohne aber bezüglich Stil und Plot allzu sehr nachzuwirken oder gar Irritationen zu erzeugen.
Beobachtung 1: Die modischen Regionalkrimis situieren ihre Plots häufig im unmittelbaren, persönlichen Umfeld der Ermittler, mit dem Effekt, dass sie durchschaubar werden. So passiert es, dass nicht mehr die Fahnder oder Kommissarinnen zu den Verdachtsmomenten finden, sondern umgekehrt die Verdachtsmomente im nahen Umfeld auftauchen und die Fahnder geradezu überfallen. Die enge persönliche Verbindung ist Motor der Handlung, weshalb sich die Fahndung auf den eigenen Bekanntenkreis beschränken kann. Nach Schema tauchen dann gerne zwei falsche Verdächtigte auf, bevor die unbescholtene Täterfigur gestellt wird.
Aus: Ein Kriminalroman ist, wo gut und gerne gegessen wird. Vier aktuelle Bücher von Sandra Hughes, Ulrich Thalmann, Seraina Kobler und Peter Weingartner. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 07.11.2022.