Francesco Micieli, Kindergedichte
«Wenn das Kind Lyotard wäre» — so ist ein Gedicht in Francesco Micielis Band Kindergedichte überschrieben. Der halbe Bedingungssatz stiftet, mit hörbar fragendem Unterton, eine überraschende Nähe, vielleicht sogar Verwandtschaft zwischen Kindern und Postmoderne.
Manchmal denkst du
Kommen Sätze
Von anderen Inseln
Als wären sie viele
Verstreut in einem Meer
Offenkundig lässt der Titel Kindergedichte viele Deutungen zu: von Kindern, für Kinder und über Kinder allen Alters. In einer Vorbemerkung schreibt Francesco Micieli, dass er sich für seinen Gedichtband von einem Buch von Niklas Luhmann habe anregen lassen und davon ausgehend versucht habe, «Sätze so zu schreiben, als wären sie von einem späten Kind gedacht» – wie zum Beispiel seinem Vater «gegen Ende seines Lebens».
So handeln seine Gedichte von Kindern und vielleicht mehr noch vom Kindlichen als Gestus des Fragens und des Staunens. Francesco Micieli erzeugt poetische Kippszenen zwischen den Altersgruppen; präzise beobachtet er ganz alltägliche Situationen aus einer – gewissermassen – Luhmannschen Warte. Nebst den philosophischen ruft Francesco Micieli aber auch poetische Zeugen auf wie Wisława Szymborska, Charles Simic oder insgeheim Rilke in dem wiederholt auftauchenden Panther.
In seinem Kind steckt somit das kleine Kind ebenso wie das erwachsene «späte Kind». Das Kindliche als Haltung umfasst den Glauben ans Märchenhafte, Unwirkliche, dennoch Daseiende: «Aber du weisst / Wenn du die Zimmertür öffnest / Ist das Meer da». Die direkte Anrede schliesst auch jene mit ein, die diesem Meer in der kindlichen Fantasie (vielleicht) nicht mehr trauen. Demnach appellieren diese Kindergedichte prinzipiell daran, das Imaginäre, Fantastische oder auch nur das Andere nicht unerhört von sich zu weisen, sondern genauer hinzuschauen. Denn, heisst es in «Wittgensteins Schrank», weil der Erwachsene vergessen hat, dass im Wort Schrank sein kindliches Versteck von einst steckt:
Also hat er den
Schrank seiner Kindheit
verloren für immer
Mit Gewissheit
Das Kind aber vertraut nicht nur, es misstraut auch, etwa dem bestimmenden Wort der ganz Erwachsenen:
Nur kurz denkt es
An die Erdanziehungskraft
Und verwirft den Gedanken
Als unwichtig
Aus dieser Spannung beziehen Francesco Micielis Kindergedichte ihren poetischen Reiz. Das beständige Hin und Her zwischen den Blickwinkeln von unten und von oben, welche sich gegenseitig reiben, versucht in gleichermassen einfachen, wie sich selbst reflektierenden Bildern eine mannigfaltige, nicht abschliessende Antwort darauf, wie Wunder und Regelwerk vielleicht doch in Einklang zu bringen wären. «Erwachsenen ist die Kindheit / Nicht mehr abrufbar» heisst es in «Vergessen (für Niklas Luhmann 4)». Und anschliessend: «Sie müssen die Welt des Kindes / Neu erfinden».
Aus: Beat Mazenauer, Formen und Variationen. Neue Schweizer Lyrik, Fokus vom 12.02.2019