Kannibalischer Hunger nach Mutterliebe

Bettina Scheiflinger über Pommfritz aus der Hölle von Lioba Happel

Lioba Happel, Preisträgerin des Alice Salomon Poetik Preises 2021, legt mit Pommfritz aus der Hölle einen Roman vor, der nicht mit Schockmomenten spart.

An seinem dreissigsten Geburtstag ersticht Pommfritz seine Mutter. Er schneidet ein Stück ihres kleinen Fingers ab, brät es in der Pfanne an und verspeist es.
In dieser brutalen Tat gipfelt, was sich im Protagonisten wie eine Erlösung anfühlt. Wie es dazu kam, schreibt Pommfritz aus dem Gefängnis in 23 Briefen an seinen Vater.

So lange er sich erinnern kann, fühlt sich Pommfritz ungewollt.

Abortgeburt. Fast hätte sies nicht bemerkt, und ich glaube in traurigen Stunden, es wäre ihr lieb gewesen, es nicht bemerkt zu haben. Abzug, runter und weg damit. (S.12)

So schreibt er über seinen Lebensanfang. Gemäss dem Wunsch des Vaters, der die Mutter direkt nach der Zeugung verlässt, heisst der Junge offiziell Pomelius Fridericus. Er wird von der Mutter aber nur Pommfritz genannt, in Anlehnung an ihre Lieblingsspeise.

Pommfritz verzehrt sich nach der Zuwendung seiner Mutter, wie jedes Kind. Doch seine Annäherungsversuche enden in Schlägen, Tritten, Nasenbluten und emotionalen Verletzungen. Die Mutter isst den ganzen Tag, sie ernährt sich ausschliesslich von Hähnchenkeulen und Pommes und wird immer dicker, bis zur Unbeweglichkeit. Ihren Sohn bindet sie am Tischbein fest. Da unten spielt der Junge mit den Fliegen. Am meisten Spass macht es ihm, die noch lebenden Tiere zu quälen und über Leben und Tod zu bestimmen. Es gibt keine Zuneigung, keine Liebesbekundungen für diesen Jungen. Seit er auf der Welt ist, muss er um sein emotionales Überleben kämpfen, um seinen Platz in der Welt, den es einfach nicht zu geben scheint in einer Gesellschaft, die die Hierarchien schon lange vor ihm festgelegt hat. Pommfritz gehört zum «Lumpenproletariat», dem niemand hilft – zwar kommt eine Frau vom Sozialamt vorbei, doch diese Angelina lässt sich leicht von der Mutter hinters Licht führen.
Gewalt ist Liebe, diese Gleichung aus seiner Kindheit reproduziert der erwachsene Pommfritz in der Beziehung zur Prügellilly. Mit und an der Prostituierten entlädt er sein sexuelles Begehren und den Wunsch nach Zuneigung wiederum durch Brutalität.

Wem vertrauen in einer Welt, in der es für einen wie ihn keinen Platz gibt? Scharf teilt Pommfritz alles in Gut und Böse ein, das Meiste gehört zum Bösen. Die Sicht des Protagonisten und Briefeschreibers, der nichts anderes als ein Antiheld sein kann, verzerrt sich immer mehr. Seine genaue Beobachtungsgabe lässt ihn das Verhalten der Menschen sezieren und in der Auswirkung auf ihn selbst beurteilen. Er reflektiert sich selbst, erklärt die Geschehnisse in seinem Leben als Konsequenz auf das Unrecht, das ihm von Geburt an und fortwährend angetan wird.
Den Vater, der nie da war, setzt er auf einen Thron, verherrlicht ihn. Der abwesende Erzeuger klafft als eine riesige Lücke in Pommfritz’ Leben. Die einzige Begegnung mit ihm wird als grösstes Glück beschrieben. Der Vater küsst bei diesem einen Besuch seinen Sohn auf den Scheitel und lässt der Mutter einen Hundertfrankenschein da. Mehr gibt es nicht vom Vater, doch Pommfritz’ Verehrung wird dadurch nur noch grösser.

Nun schreibt Pommfritz seine Briefe an diesen Unbekannten, von dessen Akzeptanz und Zuneigung er sich einbildet, sie würde alles gut machen. Es ist und bleibt eine einseitige Liebe, der Vater antwortet nie.

Es handelt es sich bei dieser Geschichte also nicht um einen klassischen Briefroman, sondern um Pommfritz’ chronologische Erzählung von seinem Abstieg ins Gefängnis, wo die Gewaltspirale sich immer schneller weiterdreht.
Geschickt entspricht diese Form dem Gefangensein des Protagonisten – nicht nur in seiner Zelle, sondern auch in seiner Weltsicht und seiner Handlungsunfähigkeit. Die Briefe an den angebeteten Vater lassen Pommfritz aus seinem Innersten erzählen. Gleichzeitig sind die Leser*innen immer auf der Hut: Obwohl der Sohn beteuert, die Wahrheit zu erzählen, und sei sie noch so hässlich, ist es naheliegend, dass er sich die Gunst des Vaters wünscht, was den Inhalt der Briefe beeinflusst. Nicht beschönigend, sondern im Gegenteil: Pommfritz schildert das Erlebte drastisch, auf schockierend brutale Weise. Könnte es sein, dass der Sohn dies alles nur tut, um endlich die Aufmerksamkeit des Vaters zu erlangen? Dieser zeigt sich bis zum Ende unbeeindruckt, wenn er die Briefe denn überhaupt bekommt. Pommfritz wird auch hier wieder allein gelassen mit seinen Bedürfnissen und seinem Schicksal.

Das Schreiben setzt etwas im Häftling in Gang. Er durchlebt nochmal intensiv die Stationen seiner Vergangenheit. Erst durch ein Geschenk seiner Lehrerin ist das Nachdenken in sein Leben gekommen. Und das hat alles verschlimmert, erinnert sich Pommfritz. Die Lehrerin schenkt ihm nämlich ein Buch von Arthur Rimbaud, weil sie findet, der Schüler sähe aus wie der junge Schriftsteller. Pommfritz verschlingt das Buch und identifiziert sich mit Rimbauds Begehren nach absoluter Entgrenzung. Der Rimbaud’sche Satz «Ich ist ein Anderer» wird zu Pommfritz’ Leitspruch. Er entfernt sich schreibend immer weiter von sich selbst.
Als Pommfritz in der Schilderung seines Lebens zu der kannibalischen Tat kommt, dem Moment, auf den sein Leben ausgerichtet gewesen sei und der auch den Höhepunkt des Textes markiert, wird die Entfremdung auch auf dem Papier sichtbar. Pommfritz löst sich von seinem Ich und der Täter wird ein anderer, wird Fritz. Pommfritz beschreibt nun in der dritten Person, wie ein anderer die Mutter tötet und ein Stück von ihr verspeist.

Und er nahm einen weiteren kleinen Bissen vom Finger, und er aß.
Und er wusste jetzt, sie war erlöst.
Er hatte seine Mutter erlöst und ihr Ruhe gegeben, er war nicht mehr Pommi, und er war nicht mehr Fritz, er war etwas anderes – was? (S.158)

Diese Entpersonalisierung führt soweit, dass Pommfritz beschreibt, wie Fritz nach dem Mord an der Mutter erst ein Heiligenschein wächst, den er sich vom Kopf streift und wegwirft, weil er in diesem Moment zu Gott wird.

Und Gott trägt keinen Heiligenschein. (S. 159)

Zuletzt ergeht es Pommfritz auch im Gefängnis schlecht. Bedrohen ihn wirklich die Mithäftlinge und wollen ihm, dem Mutterfresser, an den Kragen? Oder ist Pommfritz’ Wahn so weit fortgeschritten, dass er sich dies als seine gerechte Strafe vorstellt? Am Ende seines letzten Briefes ist er jedenfalls nicht mehr fähig, vollständige Sätze zu schreiben und es bleibt offen, was aus ihm wird.

Die Bilder dieser Groteske bleiben im Hals stecken und hinterlassen ein tiefes Grauen. Trotz der Verzerrung wird die Figur dieses Ungeheuers plastisch, seine Verzweiflung greifbar. Wer ist in dieser unglücklichen Konstellation eigentlich Opfer und wer Täter(in)? So leicht, wie Pommfritz die Welt in Gut und Böse teilt, ist es in Lioba Happels Schauerroman nicht. Bis zum Schluss schwankt die Leserin zwischen Abscheu und Mitleid, zwischen physischem Unwohlsein und ästhetischer Faszination. Inwiefern vermag die Poesie, wie Rimbaud es sich wünschte, durch die «Entgrenzung aller Sinne» eine radikal andere Welt zu schaffen?

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