Im Tal der Geschichten und Gedanken
Ladina Caduff über cafè e culaischem von Rut Plouda
Eigentlich müsste Rut Ploudas Textsammlung denselben Titel tragen wie einer der darin vorkommenden Texte: «Il muond es plain istorgias» (Die Welt ist voller Geschichten), denn in dem schmalen Bändchen cafè e culaischem (Kaffee und Vogelbeeren) sind auf knapp 75 Seiten 40 kurze Texte der Unterengadiner Autorin vereint. Einige der im rätoromanischen Idiom Vallader verfassten Texte wurden für diesen Band neu geschrieben, andere sind bereits zuvor in der Radiosendung Impuls oder in Zeitschriften erschienen und wurden für die vorliegende Publikation überarbeitet.
Chatrina Urech-Clavuots Vorwort legt der Leserschaft nahe, dass das vorliegende Werk als Schlüssel zu den Mikrokosmen von Rut Plouda aus Ftan zu lesen ist. Tatsächlich handeln die kurzen Texte oft von den Eigenheiten des Bündner Tals und lassen sich nur schwer von einer im Engadin verwurzelten Erzählinstanz trennen. Das Raunen des Inns wird bereits im ersten Text erwähnt, Fischer und Jäger treten als Protagonisten auf, und was Giovanni Segantini mit feinen Pinselstrichen in seinen Gemälden aufleben lässt, findet auch in Ploudas Texten auf poetische Weise Ausdruck: Das besondere Licht des Engadins und die Farbenpracht zu den unterschiedlichen Jahreszeiten. Geographische Grenzen werden beispielsweise für Ausflüge ins benachbarte Italien oder ins Tessin überschritten («Le Mura di Lucca», «Il cimitero di Caslano»,). Auch nach Neuchâtel zieht es das Ich («Cafè»). Eine Geschichte handelt von einer Reise zu den Solothurner Literaturtagen, auf welcher zwei Damen Franz Hohler im Zug begegnen. Nicht zufällig trägt letztere Geschichte den Titel «Il muond es plain istorgias» (Die Welt ist voller Geschichten).
Die Chronologie der Texte scheint keiner strengen Regel zu folgen. Auch ein allen Texten übergeordnetes Leitmotiv ist nicht zu finden, doch sämtlichen Geschichten, humorvollen Anekdoten und lyrischen Passagen entströmt ein Gefühl von Nostalgie. Nicht selten gewinnt man den Ein¬druck, als hüllte sich die Erzählinstanz in Erinnerungen und mache diese zum Gegenstand des Erzählten. Wer Rut Ploudas Texte kennt, weiss, dass die Autorin in ihren Texten oft eigene Erinnerungen verarbeitet. So verwundert es nicht, dass die Texte bei der Uniun dals Grischs (Auflage Chasa Paterna nr. 139), der Organisation für die rätoromanische Kultur und Sprache im Engadin, dem Müstair und Bergün erschienen sind.
Erinnerungen werden vornehmlich über Sinneserfahrungen wachgerufen. Visuelle, olfaktorische und klangliche Empfindungen spielen auch bei Plouda eine gewichtige Rolle und lassen das Gefühl der Nostalgie hochleben. Nebst Farben sind auch Düfte von Bedeutung, beispielsweise wenn das Ich von der Kaffeezubereitung erzählt, wenn der Duft des Nelkenstocks der Mutter in der Luft liegt oder das Ich fast schwelgend von Düften auf dem Marktplatz, im Stall, in einem Sägewerk oder an einem Marronistand berichtet. Auch der Klang ist von Bedeutung. So fragt sich das Ich beispielsweise in «La staziun, l’ascher e la terra» (Der Bahnhof, der Ahorn und die Erde), wie die Zugstationsnamen «Scuol, Cinuos-chel, La Punt Chamues-ch» für nicht Rätoromanischsprachige wohl klingen mögen. In «Versins d’uffants» (Kinderverse) ist das Kind von Anfang an von Klängen und Rhythmus umgeben, und es sind präzis jene, die dem Kind ein Gefühl der Sicherheit geben. Die einzelnen Mikrokosmen von Rut Plouda fügen sich dadurch zu einer facettenreichen Textsammlung zusammen. Die Texte «Il bügl» (Der Brunnen), «Vacanzas» (Ferien), «Nüvlas» (Wolken), «Fluors» (Blumen) und «Il maraton» (Der Maraton) werden von Tuschezeichnungen von Dumenic Andry begleitet. In ihrer Erscheinungsform abstrakt und dunkel illustrieren sie Elemente von Ploudas Texten, wobei die Bezüge sich nicht immer sofort erschliessen.
Rut Ploudas Duktus ist ein einfacher und gesetzter. Lediglich einzelne Naturbeschreibungen stechen auf poetische Art und Weise hervor, etwa wenn es heisst, dass «der Alpenmohn wie Gold in der Mittagssonne glänzt». Der klare, schnörkellose Ton schafft eine Atmosphäre des Unmittelbaren, dank welcher die Leserschaft direkt in die Handlung hineingezogen wird. Die Sprache ist in Ploudas Texten aber nicht nur Mittel, sondern auch Gegenstand der Reflexion. In «Tschel di our in tablà» (Kürzlich draussen in der Scheune) beispielsweise denkt Anna, kurz bevor die titelgebende Scheune zu einem Wohnkomplex umgebaut wird, über die Bedeutung des Worts «Haus» (im Sinne des Heims) nach. In «Nüvlas» (Wolken) fragt sich das Ich, ob Sprache begrenzt sei oder ob jemals irgendjemand es vermögen wird, von der tatsächlichen Schönheit des vom Ich erlebten Herbstes mit seinen Farben zu erzählen. Rut Ploudas Mikrokosmen sind also vielschichtig und geben der Leserschaft einen intimen Einblick in eine Welt voller Geschichten und Gedanken.