Hungrige Tastatur. Gedichte

Beat Mazenazer über Hungrige Tastatur. Gedichte von Ruth Loosli

Ruth Loosli

Ums Wissen und Verstehen, ums Nichtwissen und was uns dabei fehlt, geht es auch in den Gedichten von Ruth Loosli. Doch das Verstehen bleibt in ihren Gedichten transparenter und präsenter. Sie bewegen sich verspielt zwischen poetischen Freiheiten und dem Wissen, dass einen die Welt nie ganz loslässt. Auf diesen kurzen Nenner lassen sich die 72 Gedichte bringen, in denen die Autorin im Band Hungrige Tastatur ihre poetische Beweglichkeit unter Beweis stellt. In ihrer Lyrik manifestiert sich ein faszinierendes Wechselspiel zwischen dem Trachten, sich lyrisch frei zu machen von Vernunft und Realität, und dem Bewusstsein, die «Fussfesseln» der Welt nie ganz loszuwerden. Hin und wieder jedoch gelingt es ihr gleichwohl, für Augenblicke und kurze Zeilen zu entwischen und eine Volte ins Absurde, Spielerische, Losgelöste zu schlagen. «Sonntag mit Klee» heisst ein solches Gedicht.

Es hat sich gelohnt

den Mond im Kalb

zu halbieren



und ihn um die Leber 

zu drapieren.

Es «tat's um des Reimes willen», kennt Christian Morgenstern im Gedicht «Das ästhetische Wiesel» die Wahrheit vom raffinierten «Mondkalb». Ob Mondkalb, Kälbermond oder halber Mond – auf jeden Fall mochte auch Paul Klee den Dichter Morgenstern, und Ruth Loosli wiederum liebt die Arbeiten Klees. Sie beginnt, sagt sie, «zu summen und vokalisieren», nur schon wenn sie daran denkt. Das alles ergibt vielleicht noch keinen Sinn, aber ein Netz von Beziehungen, die sich in den gewitzten fünf Zeilen mannigfach verwickeln.

Auf der anderen Seite des Spektrums zeigt sich in diesem Band eine Dichterin, die sich nicht davor scheut, die Wirklichkeit und ihre Lyrik ganz eng zu führen, gerade auch im Wissen, dass derlei verhängnisvoll sein kann, lähmend und zum Verzweifeln wie in «Am Lyrikfestival». «Während in Afghanistan eine / Bombe hochgeht / schreiben wir ein Gedicht», beginnt es und verwandelt dieses schützende Wir von Zeile zu Zeile in ein offenes poetisches Ich, das sich am Ende ins Nichtwissen rettet: «On ne sait jamais. / On ne sait rien.» Doch darin drückt sich kein Eskapismus aus, vielmehr das Wissen, dass sich schützen muss, wer wissen möchte und sich der Gegenwart stellt. Es ist und bleibt ein Kampf nicht nur für die Dichterin.

Um dieses Nicht-Wissen dreht sich vieles in dem Band. Wissen und Wirklichkeit erfahren keine Absage, doch eine Verrückung in Frageform, zum Beispiel in «Tanz der Neuronen»:

Nichts als ein Tanz

der Neuronen sie das Bewusstsein

nichts Magisches

reine Physik.



Doch wer lässt sie tanzen?

Wer kreiert die Choreographie?

Auf die Frage bleibt das Mondkalb hier stumm und ohne Reim.
Es ist diese Ambivalenz, das behutsame Changieren zwischen dem Realen und dessen unterschiedlichen Antipoden, welche nicht dem Übersinnlichen zuzuordnen sind, sondern eher der naiven Aufmerksamkeit für natürliche Wunder. Oder dem Dichten und dem Schreiben:

Die Gedichte ruhen.

Sie sind Handläufe / die unserer Melancholie 

schmeicheln und sie 
hinunter auf die Strasse 
begleiten.

So elementar und lebenswichtig das Lyrische in diesen Gedichten ist, so schlicht und unprätentiös wird es von Ruth Loosli in Szene gesetzt. Dichten bleibt dabei ein zwiespältiges Unternehmen, das aus dem Widerstreit seine Energie schöpft und sich zuletzt immer sprachlich aufhebt. So verrät Hungrige Tastatur einen poetischen Appetit, der sich nicht mit leichter Kost abspeisen lässt. «Ich bin ein Dreiminutenei / das sich selbst auslöffelt», bleibt als kulinarisches Bild am Ende der Lektüre im Gedächtnis haften.

(Aus: «Vom Vergnügen, nichts verstehen zu müssen . Neue Lyrik aus der Schweiz». Ein Fokus von Beat Mazenauer, 26.5.2020).

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