Grösser als du
Marina Galli über Grösser als du von Veronika Sutter
Melanie macht im Tessin eine unerwartete Bekanntschaft. Am Abend des 14. Juni 1991 beschliesst Gloria mit wilder Entschlossenheit, ihren Ehemann ein für alle Mal zu verlassen. Alexanders Mutter erleidet im Restaurant einen Herzinfarkt und klatscht mit dem Gesicht in die Gurkensuppe. Helen beschliesst dem Rat einer alten Dame zu folgen und sich nur noch mit Dingen zu befassen, die sie auch wirklich interessieren. Und Caro stellt sich mit der Hilfe eines Obdachlosen ihrer Schuld, und schafft es so endlich sich zu verzeihen.
Frauen verschiedenen Alters und in unterschiedlichen Lebenssituationen sind die Hauptfiguren in Veronika Sutters 15 lose zusammenhängenden Geschichten. Ein zentrales Thema verbindet sie, um das Veronika Sutters erstes Buch kreist: Gewalt gegen Frauen. Sie weiss, wovon sie spricht: Die Journalistin, Kulturveranstalterin und Buchhändlerin hat selbst jahrelang in einem Frauenhaus gearbeitet.
Dass Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt in der Schweiz weit verbreitet sind und in den letzten Jahren tendenziell zugenommen haben, ist bekannt. Und dass Frauen und Kinder in ihren eigenen vier Wänden besonders gefährlich leben, wurde zuletzt während der Pandemie breit thematisiert. So ist auch nicht verwunderlich, dass sich die Protagonistin der ersten Erzählung in ihrem Zuhause nicht mehr wohl fühlt: Obwohl sie nach einer Trennung nun alleine lebt, hat ihre frühere Beziehung, auf die nicht näher eingegangen wird, eindeutig Spuren hinterlassen. Überall scheinen Gefahren zu lauern: Im WC entdeckt sie einen Geheimgang zum Balkon, durch die zahlreichen Fenster ihrer Wohnung fühlt sie sich – zu Recht, wie sich herausstellen wird – beobachtet. Sie beginnt, das Heimgehen hinauszuzögern und jeden Abend einen Kontrollgang zu machen, bevor sie sich schlafen legt. Es scheint fast so, als hätte das Haus ein Eigenleben entwickelt und würde ihre Bewohnerin mit seinen dicken Mauern nicht mehr schützen, sondern Gefahren aussetzen, sie verfolgen und ausspionieren. Dass das Haus dabei fast selbst zur Protagonistin der Geschichte wird, ist ein gelungenes Mittel, um Helens Ängste zu vermitteln und aufzuzeigen, wie sich das gemeinhin mit «Schutz» und «Gemütlichkeit» assoziierte «Heim» für manche Frauen ins Gegenteil verkehren kann.
In Grösser als du deckt Veronika Sutter das ganze Spektrum der Formen von Gewalt an Frauen ab, von Stalking über psychische Manipulation bis hin zu Vergewaltigung oder Femizid. Sutters Geschichten entfalten ihre ganze Kraft dort, wo jene subtilen Mechanismen genau analysiert und sichtbar gemacht werden, die von einer Liebes- in eine toxische Beziehung führen. So zum Beispiel in der Geschichte «Junimond»: Die Hauptperson Gloria erzählt rückblickend, wie die Liebesgeschichte zu jenem Mann, den sie am Abend des ersten Frauenstreiks zu verlassen beschliesst, begann, und wie sich langsam Verhaltensmuster einschlichen, die zu Gewalt führten.
Gloria ist eine zweiundzwanzig Jahre alte Frau, etwas schüchtern und unsicher, und vom ersten Treffen an unwiderruflich in Aldo verliebt. Er: Ein gutaussehender, selbstsicherer junger Mann, der ihr gerne alles Mögliche erklärt – oder mansplaint, könnte man sagen –, von der richtigen Zubereitung von Couscousbällchen bis zu Erkennungsmerkmalen guter Musik: «Madame braucht offensichtlich eine musikalische Unterweisung». Von Anfang an tritt er bestimmend auf: «Er schob das Leintuch zur Seite und sagte, er möge die Frauen lieber ohne Stoff. Er betrachtete mich von allen Seiten, drehte und wendete mich, wie man es mit einem Hühnerschenkel tut, bevor man hineinbeisst. Ich liess es zu, weil ich nicht unerfahren wirken wollte», während sie «in [ihren] Hemmungen» daliegt, wie es Sutter so schön ausdrückt. Wenn dieses Verhalten noch als harmlos abgetan werden könnte, so zeigt sich Aldo rasch unberechenbar, und reagiert zunehmend aggressiv auf Gloria. Er fällt ihr ins Wort, lacht sie aus und schon heisst es: «Ich merkte bald, dass ich etwas an mir hatte, das Aldo reizte». Sutter gelingt es aufzuzeigen, wie Aldos dominantes Auftreten Gloria von Anfang an kleinmacht und so ein Ungleichgewicht schafft, dass dazu führt, dass Gloria die Schuld bei sich sucht, als Aldos Machtanspruch in häusliche Gewalt umschlägt. Er verhält sich manipulativ, nutzt Glorias Unsicherheit und Liebe aus und unterwandert die Beziehung schleichend bis zu dem Punkt, an dem die Protagonistin beinahe erstaunt und überrascht feststellen muss, was aus ihrer Ehe geworden ist. Doch nun ist es zu spät, und es gelingt ihr nicht mehr, sich aus dieser Abhängigkeit – derer sie sich sehr wohl bewusst ist – zu befreien, zu klein ihr Selbstvertrauen, zu gross ihre Scham, zu viel Kraft verwendet sie täglich darauf, die Wutausbrüche ihres Mannes einzudämmen, zu viel Energie verpufft in der Angst. Erst die kollektive Erfahrung des Frauenstreiks und das sich daraus ergebende Gefühl der Stärke lässt sie ihren Mut und ihre Entschlossenheit wiederfinden und ihren Mann verlassen.
Trotz der Schwere der Themen ist den 15 Geschichten gemeinsam, dass sie Auswege aus diesen oft ausweglos erscheinenden Situationen aufzeigen, ohne in kitschige Happy Ends zu münden. Eine weitere Stärke des Buches liegt darin, die Schicksale der verschiedenen Protagonist:innen der Geschichten zu verweben: Nicht nur, weil man am Ende der zum Teil nur ein paar Seiten langen Erzählungen gerne mehr über diese Menschen, ihre Gedanken und Geschichten erfahren würde und deshalb froh ist, wenn man ihnen nochmals begegnet, sondern auch, weil das Zulassen verschiedener Perspektiven auf eine Situation uns in Erinnerung ruft, dass Zusammenhänge komplex und nie schwarz-weiss sind, vor allem dann, wenn es um emotionale Belange geht. Und so sind manche Geschichten im Buch auch aus der Perspektive der Männer geschrieben – wobei diese nicht besonders gut wegkommen.
Da ist zum Beispiel Walter Eigenmann, ein alternder Firmenchef kurz vor der Pensionierung, dessen Lieblingsbeschäftigung es ist, der jungen Praktikantin nachzustellen. Und wieder gelingt es Veronika Sutter durch den geschickten Aufbau der Erzählung genau aufzuzeigen, worum es wirklich geht, bei seinem Versuch, die junge Frau zu verführen: um Macht.
An seinem letzten Arbeitstag empfängt der selbsternannte Lebemann sie zum Interview in seinem Büro, da sie damit beauftragt ist, ihn in einem Abschiedsartikel für die Firmenzeitung zu würdigen. Walter hat eine klare Vorstellung davon, wie das Treffen ablaufen soll: Mit seiner lockeren, selbstbewussten und männlichen Art will er die in seinen Augen «sensibel und scheu[e]», «unsichere» und «ängstliche» Lisa beeindrucken, um sie dann spontan zum Mittagessen einzuladen. Was folgt, ist der misslungene Versuch einer Verführung, in dem Wunschvorstellung und Realität auf entlarvende Weise aufeinanderprallen. Als Walter durchblicken lässt, dass er sie von seinem Büro aus beim Baden im Fluss beobachtet, interpretiert er ihre unausgesprochene Reaktion darauf noch so, wie er es gerne hätte:
»So also verbringen wir die Mittagspausen. Schau an. Der verschlossene, hart arbeitende Geheimnisvolle ist ein simpler Spanner. Und Sie holen sich dabei einen runter, stimmt’s? Dort auf dem grossen, dicken Bürostuhl. Habe ich recht? Die Kleenex stehen ja parat. Vor oder nach dem Sandwich?«
Sie hat nun etwas Lauerndes im Blick, aber auch etwas Interessiertes. Doch ja, jetzt ist er sicher, sie schaut ihn interessiert an.
Schnell wird klar, dass es nicht so kommt, wie er es sich vorgestellt hat, und als sie die Kontrolle über die Situation übernimmt, indem sie ihm anbietet, gegen Bezahlung zugegen zu sein, wenn er masturbiert (und durch die angebotene Bezahlung die Machtverhältnisse umkehrt), löst das eine sofortige Abwehrreaktion seinerseits aus: Plötzlich findet er sie nicht mehr «hinreissend», sondern «hart» und «verdorben», denn sie fügt sich ihm nicht, sondern tritt selbstbestimmt auf und stellt ihn bloss:
»Aber … aber das ist ein Missverständnis. Ich will das überhaupt nicht, ich weiss nicht, wie Sie auf so etwas kommen.«
Nun lächelt sie. Und plötzlich sieht er etwas in ihrem Gesicht, das überhaupt nicht zu ihr passt, etwas Hartes.
»Ach so«, sagt sie. »Sie wollen gar nichts Reales. Das macht Angst, was? Da hätte man die Sache ja nicht unter Kontrolle, wer weiss, was da alles passieren würde, man könnte auch versagen.«
Er schüttelt den Kopf. Er kann es nicht fassen, wie vulgär sie plötzlich wirkt. Jemand muss sie total verdorben haben.
Trotz der manchmal etwas konstruiert wirkenden Geschichten und der zum Teil etwas abrupten Enden ist es erfreulich, dass Veronika Sutter die Leser:innen mit einer gesellschaftlichen Realität konfrontiert, die – auch wenn sie heute stärker thematisiert wird als früher – nach wie vor ein Tabu darstellt. Denn Literatur rüttelt auf und regt zum Nachdenken an, und versieht die Zahlen, die man aus der Zeitung und den Statistiken kennt, mit Gesichtern und Geschichten, die bewegen und berühren.