Geschichten aus dem Dorf

Beat Mazenauer über «Die Dinge beim Namen» von Rebekka Salm

Das Gute am Dorfleben ist, dass jeder auf jeden aufpasst: soziale Kontrolle. Das heisst aber auch, dass alle alles voneinander wissen, auch wenn niemand darüber spricht. Um diesen Kern dreht sich Rebekka Salms Roman Die Dinge beim Namen. Dieser Kern ist klar lokalisierbar. Es ist nur oberflächlich ein Geheimnis, dass im Februar 1984, nach dem jährlichen Unterhaltungsabend, die Sandra von Max … Ab hier gehen die Interpretationen des Ereignisses auseinander. Auf jeden Fall haben die beiden kurz danach geheiratet und neun Monate später kam ihr Sohn Roland zur Welt. Die Zweckehe hielt, mehr schlecht als recht. Es wurde nicht mehr darüber gesprochen. Im Dorf passen alle aufeinander auf. Und geschieht doch, was nicht geschehen sollte, so wird es verschwiegen. Es wissen es eh alle.

In der Form eines Reigens bringt Rebekka Salm etwas Licht ins dunkle Geschehen vor dreissig Jahren. Auch sie nennt die Dinge nicht beim Namen, sie lässt aber doch eindeutige Schlüsse zu. Dass die alte Wunde wieder geöffnet wird, daran hat der Vollenweider Schuld. Weil er nicht vergessen kann, schreibt er die Geschichte auf und schickt sie an einen Verlag. Auch davon erfährt das Dorf und der Vollenweider bekommt seine Abreibung. Nach und nach lenkt Rebekka Salm das Interesse auf die anderen Dörfler. Der tumbe Freddy, Vollenweiders Nachbar, hört draussen etwas rumoren. Später sitzt Roland an Sandras Geburtstag neben ihm. Auch Melanie ist bei dem Anlass zugegen und so weiter. Die Erzählung führt hinüber zum alten Lysser, zu Tschudin, Max und Beat – bis Sandra schliesslich, um die sich die Dorferinnerung ja dreht, dem Ganzen eine Wendung verleiht.

Rebekka Salm orchestriert ihren Roman mit gutem Gespür für die Dramaturgie dieses dörflichen Chors. Sie plaudert nichts vorschnell aus, sondern offenbart nach und nach das enge Beziehungsgeflecht zwischen den Personen. So bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten, schön ausbalanciert zwischen Tragik und Komik. Diese Geschlossenheit hat indes auch etwas Verräterisches und bildet eine leise Schwachstelle in diesem Buch. Über dreissig Jahre hinweg sei alles gleich geblieben, erzählt es; niemand habe sich davon gemacht. Alle richteten sich ein, ohne einem Traum oder einer Sehnsucht nachzugeben. Es scheint im Dorf kein Glück zu geben, keine echte Freude und schon gar kein Aufbegehren. Vielleicht aber hat Rebekka Salm so die Dinge doch etwas zu einfach arrangiert. Dennoch darf ihrem Roman zugute gehalten werden, dass er das unglückliche Bewusstsein ihrer Figuren anschaulich und mit Witz einfängt.

Aus: «Geschichten aus dem Dorf: Neue Schweizer Debüts», ein Fokus von Beat Mazenauer für www.viceversaliteratur.ch, 31.05.2022

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