Geschichten aus dem Dorf

Beat Mazenauer über Gleich, später, morgen von Thomas Pfenninger

Im kleinen Dorf ist alles Nachbarschaft. Ganz anders verhält es sich in der unübersichtlichen Stadt – liesse sich glauben. Doch dieser Eindruck trügt, wie Thomas Pfenninger erzählt. Das Quartier am Stadtrand kann schnell auch dörflichen Charakter annehmen. Sein namenloser Protagonist ist ein Briefträger, der in seinem Rayon am Fuss des Zürcher Üetlibergs freundlich und verlässlich die Post austrägt – meistens verlässlich, wäre zu ergänzen. Der Briefträger neigt hin und wieder zu Sentimentalitäten und Träumereien und lässt sich daher zu Schummeleien hinreissen, indem er nicht jeden Brief austrägt. Er überlegt sich ein wenig allzu intensiv, ob eine Post einem Adressaten zuzumuten sei. Das ist menschlich schön gedacht, betrieblich aber hochproblematisch. Bald beginnt deshalb auch ein Gemunkel und Gerede, das die Dinge nicht vereinfacht.

In seinem Romandebüt zeichnet Thomas Pfenninger das Bild einer freundlichen Nachbarschaft am Rande der Stadt, in der die Gesetze des Dorfes gelten. Wir schreiben das Jahr 1991, der Platzspitz erschreckt die Menschen auch im Quartier, vor allem, wenn einer aus der Szene hier unvermittelt auftaucht und die vertrauliche Nähe stört. Dies betrifft auch den Briefträger, der mehr und mehr seine Position als neutraler Überbringer von Postsendungen aufgibt. Aus Mitgefühl setzt er sich über die ehernen Prinzipien seines Berufs, über «Zuverlässigkeit, Moral und Disziplin» hinweg. Pfenninger zeichnet diesen Prozess mit Wärme und einem Schuss Naivität und Sentimentalität, was dem Buch nicht immer gut ansteht. Das bestätigt sich auch stilistisch und kompositorisch. Manche Formulierungen klingen allzu versöhnlich und harmonisch. Andererseits gelingt es dem Autor, mittels der sich häufenden Schummeleien des Briefträgers das Geschehen mit Spannung aufzuladen, weil dem Briefträger das Ganze allmählich, «über den Kopf gewachsen war». Doch das Gute an der Nachbarschaft ist, dass sie derlei solidarisch auszuhalten vermag.

Aus: «Geschichten aus dem Dorf: Neue Schweizer Debüts». Ein Fokus von Beat Mazenauer für www.viceversalitetatur.ch

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