Gelebtes Geröll

Tamara Schuler über «Frauen und Steine» von Regina Dürig

Regina Dürigs vielgestaltiges Werk umfasst eine Novelle, Kinder- und Jugendbücher, diverse Hörstücke sowie artistic research über alle Disziplinen hinweg. Ihr neuer Erzählband Frauen und Steine ist ein weiteres Glanzlicht in ihrem künstlerischen Kosmos.
Es geht in diesem Buch im weitesten Sinne um Frauen und Steine. Was genau das bedeutet, erschliesst sich einem erst durch die Lektüre: Die Bildhauerin Camille Claudel, die Sagengestalt Melusine, Ganzkörperpuppen und die amerikanische Altertumsforscherin Alice Kober tummeln sich nebst anderen zwischen den Buchdeckeln. Die Steine kommen sowohl als tatsächliche Materie wie auch als Metaphern vor: «In die Zukunft gehen diejenigen ein, die in der Gegenwart auf Härte setzen, also Stein», schreibt Dürig an einer Stelle, und dichtet an anderer ein schaurig-schönes Märchen über ein Kind, das sich selbst mithilfe eines Zauberspruchs in einen kleinen Felsbrocken verwandelt. Es sind schlussendlich Erzählungen über das Leben — das Leben als Frau, und dass dieser Zusatz nötig scheint, weist eigentlich bereits auf einen Zustand hin, den der Verlag treffend «patriarchale Versteinerung» nennt.

Michelangelo habe einen Marmorblock angeschaut und dann gesehen, was für eine Figur drinnen sitzt, er musste sie nur noch daraus befreien, heißt es. Ich frage mich, wie viel Freiheit wert ist, wenn sie aus den Händen eines anderen kommt.

So unterschiedlich die zwölf Geschichten in diesem Band formal daherkommen — ob als Gedicht, Podcast-Transkript, Inseratesammlung, Gedankenübung oder Kurzgeschichte, sie alle sind messerscharfe Beobachtungen der Gegenwart. In «Um den heißen Brei - Der Dating-Podcast im Futur Zwei» sagt die Sagengestalt Melusine fast beiläufig: «Scham war nur so die ersten zweihundert Jahre, dann ist mir klargeworden, dass ich was internalisiere, was eigentlich bei den anderen abgeht.»

Mit geistreicher Präzision und Mut zur Auslassung wird den Lesenden die Lektüre zugemutet anstatt mundgerecht serviert. Sich zurecht zu finden innerhalb dieser Texte wird zum individuellen Erlebnis: Je nach Persönlichkeit und Lesesituation klingen andere Nuancen an. Doch stets wird mittels der bildstarken Beschreibungen gekonnt das sogenannt Normale in Frage gestellt:

Sie bringen Massen von Essen in Tupperschüsseln, die Kristina provozieren, bis sie sieht, dass die Trauben im Obstsalat geschält worden sind. Der Anblick der nackten Frucht, diese vollkommen sinnlose Verletzlichkeit, lässt eine Stelle in ihrem Inneren aufleuchten, von der sie nicht gewusst hatte, dass es sie gibt.

Das Verletzliche und das Kämpferische, das Harte und das Weiche — Frauen und Steine zeichnet sich auch durch ein scharfsinniges Spiel mit dem Realitätsgehalt der Worte aus. Die elliptischen Dialoge glänzen dank Dürigs feinem Gespür für Stimmen. Dadurch werden die Aussterbe-Fantasien eines Hufeisenkrebses ebenso greifbar wie die Ausführungen der Aussteigerin, die gerade nach einem Winter im Wald zurück in die Zivilisation gebracht wurde:

Meine Familie? Es gibt nur noch meinen Bruder, und der hat kein Telefon. Er hat so ein Ding mit Strahlen. Er kann spüren, wie sie durch seine Knochen funken. Wahrscheinlich ist es einfach die Traurigkeit, die er fühlt. Die Traurigkeit ist in meiner Familie ein stumpfer Gegenstand, so heißt das doch, bei der Autopsie? Dann wissen Sie ja, wovon ich spreche.

Zusammen mit Christian Müller realisiert Regina Dürig als Stories & Sounds-Duo Butterland Arbeiten im Bereich Hörspiel, Performance und Klanginstallation. Begleitend zum Erzählband Frauen und Steine haben sie ein 80-minütiges Stück komponiert, das während oder nach dem Lesen gehört werden kann. Als Grundlage dienten Unterwasseraufnahmen aus der Verenaschlucht bei Solothurn. Daraus entstanden ist «eine poetische, bewegliche Klangwelt zwischen dem Flüstern der Strömung und dem Kichern der Kiesel», wie Butterland auf ihrer gleichnamigen Website schreiben. Der grosse Lesegenuss, den Frauen und Steine bereithält, wird damit sogar noch intensiver.

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