Geistersehen und Todesarten
Beat Mazenauer über Die Zukunft der Toten von Sabine Haupt
Im Tod sind alle Menschen gleich, den Moment unmittelbar davor aber erlebt jeder von ihnen so persönlich wie sonst nichts. Die eine erwartet ihn ruhig oder ängstlich, ein anderer wird von ihm abrupt aus dem Leben gerissen, ein dritter wirft sich ihm geradezu in die Arme. Die Aufzählung skizziert die Bandbreite von Momenten, die Sabine Haupt in ihrem Erzählband Die Zukunft der Toten absteckt. Die erste Geschichte, «Märchenstunde», stellt zwei Stimmen einander gegenüber. Gleich eingangs beklagt sich die kranke Frau im Spital: «Darf man nicht mal in Ruhe sterben?» Dann tritt die Familie ans Krankenbett und bringt ihre Sorgen und Erinnerungen mit. Die Schwester der Sterbenden legt sich zu ihr ins Bett und liest ihr eine Charon-Geschichte vor. «Was bleibt, ist die Hoffnung», zitiert sie den Totenschiffer, der seinen Passagiere befiehlt, allen Ballast abzuwerfen. Den Geist des Todes erahnt die Vorleserin, allein «ich habe keinen Geistführer». Sie ist ein Mensch und als solcher erkennt sie nur, «was man schon kennt».
Geister gehen auch in der abschliessenden Titelerzählung um. Eine Fotografin berichtet von einer Begegnung mit Jorge, der auf Kuba einen Friedhof bewacht. Dieser lädt sie ein, mit ihm die Geister der Toten in den Katakomben zu besuchen. Die Fotografin packt einen lichtempfindlichen Film und ein passendes Objektiv ein, um keinen Moment zu verpassen. So hocken die beiden in einer stürmischen Nacht im klammen, finsteren Verliess und erwarten, was immer geschehen möge. Das Resultat ist enttäuschend. Nicht einmal eine «Spur des Wartens», geschweige denn Geister, erkennt die Fotografin auf den Bildern, die sie später zuhause entwickelt. Das war vor dreissig Jahren. Bei einem neuerlichen Besuch auf Kuba erinnert sie sich an ihren Friedhofsbesuch und an Jorge, der wohl längst verstorben ist. Woher der Totenkult herrühre und ob er noch immer Bestand habe, möchte sie ihn fragen, und ob es nicht an der Zeit sei:
einen neuen Kult, eine neue Religion, vielleicht auch nur eine Utopie zu erfinden, eine die den neuen Menschen nicht nur fordert, sondern liebt, die dem Kult der Toten einen Kult der Lebenden zur Seite stellt, der Ungeborenen, der Wartenden?
Die Passage hat programmatischen Charakter. Welche Geister möchten wir erkennen, fragt Sabine Haupt und gibt darauf eine überraschende Antwort. Es müssten die Geister der Zukunft sein, nicht jene der Vergangenheit. Diese Hoffnung täte uns not.
Die Spannweite der beiden Texte ist charakteristisch für diesen Erzählband. Zum einen sind sie im Erzählerischen verankert, zum zweiten legen sie immer auch philosophische, politische, konzeptionelle Fäden aus. Symptomatisch dafür ist nochmals die Titelgeschichte. Die zeitliche Lücke von dreissig Jahren zwischen den beiden Kubabesuchen überbrückt die Autorin mit einem Katalog von Ereignissen, die unterdessen geschehen seien: vom Fall der Berliner Mauer bis hin zum Sturm aufs Washingtoner Capitol. Die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit wird auch in anderen Geschichten sichtbar. «Das Haus auf dem Hügel» erzählt von einem Prepper, der sich auf den Endkampf vorbereitet. «Der Fall SILVIA» verschränkt einen historischen Tierversuch an einem Affengehirn mit einer futuristischen künstlichen Intelligenz. «Tote führen keine Kriege» berichtet von einer zuletzt tödlichen bürokratischen Angelegenheit im Geheimdienstmilieu der 1960er-Jahre. Sabine Haupt sorgt mit solchen Wechseln von Thema, Zeit und Schauplatz für eine lebhafte Vielfalt, wofür sie auch stilistische Entsprechungen findet. Die erwähnte Geheimdienstaffäre erzählt sie in nüchtern amtlicher Diktion, um so die unterschwellige Ironie erst recht zu betonen.
Witz und Drastik, Narration und Konzept haben in diesem Band Platz. Das sorgt dafür, dass jede der Geschichten ein neues Themenfeld erschliesst. Das gelingt nicht in jedem Fall optimal. «Bintje träumt», der Monolog einer jungen Frau in den Fängen eines Sadisten, mit dem sie sich identifiziert, lässt die Absicht allzu gut erkennen, sich rollenmässig in eine schier unvorstellbare Situation hineinzuversetzen. Bintje doziert dazu:
Den Horizont erweitern! Da stehen braves Staatsbürgertum, moralische Grundsätze, akademischer Disziplin und heteronormativer Blümchensex der wahren Erkenntnis nur im Weg.
Was hier etwas bemüht wirkt, bleibt die Ausnahme, wie andere Geschichten demonstrieren. «Tristan im Schnee» bringt ein paar Knastbrüder für eine Opernaufführung (in Playback) zusammen. Diese könnte auch gelingen, wenn nicht der eine und andere Darsteller während der Proben dem Tod auf die Schaufel springen würde. So bleibt am Schluss der Bericht eines liebevoll bemühten Geigendiebs übrig, der für das Programmheft recherchiert und dabei zum schlichten Schluss kommt: «Sterben ist echt das Letzte».
«Irgendwann habe ich beschlossen, nur noch tiefsinnige und erhabene Gedanken zu denken», beginnt die Erzählung «Von Kugeln und Schatten», eine freie erzählerische Interpretation der platonischen Erkenntnis- und Liebessehnsucht. Die Autorin stellte sich vor drei Jahren in einem Interview mit dem Telegramme-Magazin hinter diesen Entscheid. Auf die Frage nach ihren thematischen Vorlieben antwortete sie: «Liebe, Politik, Psychologie, Philosophie, Kunst und Ästhetik, Geschichte – ungefähr in dieser Reihenfolge». Das alles findet unverhüllt oder diskret in dieser essayistisch-narrativen Ideenprosa einen Platz. Sabine Haupt variiert sie dreizehn Mal auf unterschiedliche, überraschende Weise. Und zwischen den Zeilen lassen ihre Erzählungen die Frage offen: Welche Hoffnung, welche Utopie haben wir noch – über unseren eigenen Tod hinaus?