Erinnerungen voll «Schönheitsempfindlichkeit»
Beat Mazenauer über Mehr Meer von Ilma Rakusa
Mit dem Schweizer Buchpreis 2009 wird Ilma Rakusa für ihr Buch Mehr Meer ausgezeichnet. In der Begründung lobt die Jury die sprachliche Schönheit ihrer Erinnerungsprosa. «Geschult im Umgang mit den grossen Lyrikern, die sie übersetzt, interpretiert und vermittelt, geschult auch durch die eigene lyrische Arbeit», habe sie eine Prosa geschaffen, die selbst lyrische Ansprüche erfüllt.
«Es riecht nach Rauch. Nach Gewürzen. Weihrauch. Aus Tassen dampft Tee.» Ilma Rakusas Erinnerung geht durch die Nase. Es sind die Gerüche und Düfte, die verlässlich gegen das Vergessen helfen: der «ätzende Geruch von Kartoffelfeuern», jener von Braunkohle und Bahnhofklos, Zypressenduft, auch der Jodgeruch von alten Apotheken. «Die Bilder, sage ich, in Ehren. Aber zuerst kommen die Gerüche.» In ihnen weht eine Erinnerung herüber, die eine früh verlorene Heimat birgt.
1946 im slowakisch-ungarischen Rimaszombat (Rimavská Sobota) geboren, wuchs Ilma Rakusa in Maribor, Budapest, Triest auf, bevor ihre Familie 1951 in die Schweiz, nach Zürich aufbrach. Diese Umzüge waren vom Vater jeweils umsichtig organisiert, wie die Autorin bekräftigt: «Wir flohen nicht, wir packten die Koffer.» Und trotzdem blieben die Gegenden, die sie hinter sich liessen, im Gedächtnis des damals 5-jährigen Mädchens haften. Auch wenn in Zürich kaum mehr Braunkohlepartikel in der Luft schwebten, evozierten diese als Geschmacksablagerung eine sich fortan kräftigende Sehnsucht.
Dazu mochte beitragen, dass die Unruhe auch in Zürich vorerst kein Ende fand. Es folgten, wegen der argwöhnischen Nachbarn beispielsweise, weitere Umzüge, die für das heranwachsende Mädchen jedes Mal wieder einen Neuanfang bedeuteten. Es musste gewonnene Freundinnen aufgeben und sich in neuer Umgebung neu einleben. Darauf reagierte es auf eigene Weise: «Ich träumte mich nach innen, in schneckenartige Labyrinthe, bis an den Tränenpunkt. Dort war es weit und still.» Und es suchte sich seine eigenen Bezirke: die Musik, das Lesen, und das kirchliche Fest, allem voran Ostern. Im feierlichen Ritus, unter dem gemeinschaftlichen «Mantel für Schutzsuchende» fand Rakusa Trost und Geborgenheit, wie ihre Erinnerung an zwei zeitlich auseinanderliegende Osterfeste in Zürich und Leningrad bezeugt: «Eine Familie, durchfuhr es mich, als das letzte Christos woskrese verklang. Wen kümmert, wer ich bin, woher ich komme.»
Unter dem Titel Mehr Meer versammelt Ilma Rakusa «Erinnerungspassagen», in denen sich ihr Lebensweg in den Westen kreuzt mit der stillen Sehnsucht nach der «verlorenen» Heimat im Osten. Schon als junge Studentin machte sie sich auf den Weg wieder dahin zurück, über unheimliche Grenzen hinweg. 1969 verbrachte sie gar ein Studienjahr in Leningrad, das sie mehrfach prägte.
Leningrad oder St. Petersburg verbindet sich unweigerlich mit der Figur Dostojewskijs, dessen Lektüre für Ilma Rakusa zutiefst prägend war. Die Helden aus Schuld und Sühne wurden für sie zu Lebensfiguren: auf der einen Seite der hochmütige Raskolnikow, und auf der anderen die demütige Sonja: «Sonja wird zu meiner Kopfmusik: eine helle Stimme, wenn ich die Augen schliesse. Tu, tu’s jetzt, sagt sie, zögere nicht. Was soll ich tun?»
Mehr Meer erzählt in 69 kurzen Kapiteln von den Irritationen der Kindheit und Jugendzeit, denen durch die Emigration bedingt ein sicherer Ort fehlte. Rakusa erzeugt dafür kein artifizielles Kontinuum, sondern legt ihre punktuellen Reminiszenzen als eine Textur aus vereinzelten, sich locker aneinander anlagernden Puzzleteilen vor uns aus. Gefangen von der «Gravitation der Erinnerung» erweckt die Autorin in ihren Texten geliebte und sonderliche Menschen, zauberhafte und schreckliche Orte, Gefühle und Emotionen zu neuem Leben. Immer wieder formen sich Sequenzen zu einem Film, doch «wo er reisst, reisst er. Ich feilsche nicht um das Ganze.» Sinnliche Anschaulichkeit und kluge Präzision sind zwei hervorragende Charakteristiken dieser Prosa, sowie die von der Buchpreis-Jury gerühmte «Schönheitsempfindlichkeit». Auf diese Weise bildet Mehr Meer eine Reise ab: die Reise nach Hause – wo immer dieses Zuhause liegen mag. Mit feiner Melancholie und sinnlicher Detailgenauigkeit bedeutet Ilma Rakusas Buch vor allem aber, dass ihre eine Heimat in der Sprache liegt.