Eine wundersame Amöbe

Tamara Schuler über Die Vermengung von Julia Weber

Die Erzählerin mit dem Namen Julia wird schwanger, als sie an ihrem neuen Roman schreibt. Wie wird sich ein zweites Kind auf sie und ihre Kunst auswirken? Die Vermengung ist eine poetische Auseinandersetzung mit der Gleichzeitigkeit von Allem und eine schonungslos ehrliche Erkundungstour in die Lebenswelt einer Frau, die Mutter und Künstlerin ist.

Julia Webers zweiter Roman ist ein Buch der Stimmen, Gedanken und Gespräche. Da sind zunächst einmal die Figuren Ruth und Linda. Sie bewohnen das Schreiben der Erzählerin Julia, sie sind Teil der Geschichte, die auch erzählt werden will. Während Ruth keine Scham kennt, frei und lustvoll lebt und damit Männer wie Frauen verzaubert, droht Linda zwischen der Anziehung zu Ruth und ihrer Mutterrolle zu zerbrechen. Immer wieder loten diese Figuren ihre Beziehung neu aus, umschwirren einander, verzehren sich und verzweifeln:

Liebe Ruth,
du sagtest als ich dich bei unserer ersten Begegnung umarmte, ich würde meine Hände ganz wunderbar hilflos an deinem Rücken reiben, geradeso, als wärst du ein Handtuch und ich trocknete meine nassen Hände an dir.
Und als du das sagtest, sagte ich, manchmal käme mir das gesamte Leben vor wie das Abtrocknen feuchter Hände an einem bereits feuchten Handtuch.

Es sind literarische Fragmente, die das Buch durchziehen und darauf hindeuten, dass die Autorin zunächst einen Roman geplant hatte, bevor sich alles vermengte. Mit der Schwangerschaft der Erzählerin kommt die Angst: Mutter sein für zwei Kinder, ohne dass die Kunst darunter leidet, wird das gehen? Im Dialog mit ihrem Partner H., ihrer Freundin A. und der eigenen Mutter ergründet Julia ihre Ängste und macht deutlich, wie vielgestaltig die Herausforderungen ihres Lebensentwurfes sind. Erst nach der Geburt des Kindes erkennt sie, dass das Vermengen von Kunst und Alltag eine Strategie sein kann, aus der ein Ganzes entsteht, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

In jener Nacht verstand ich, dass sich alles vermengt, dass ich die Kunst bin, die ich mache, und die Kunst ist ich. Ich bin die Mutter dieses Kindes, und das Kind hat mich als Mutter. Wir werden ineinander und auseinander herauswachsen, und die Kunst wird neben uns her wachsen und auch in uns hinein.

Der poetische Raum existiert nicht länger als abgeschlossene Sphäre neben anderen, alltäglichen Räumen, sondern durchdringt und überlagert diese. Julia Weber setzt damit dem überholten Bild des eigenbrötlerischen Genies, das sich für den kreativen Erguss in Einsamkeit und Geist zurückziehen muss einen Gegenentwurf entgegen: Eine Symbiose aus Mensch, Wahrnehmung, Leben und Kreation; die Autorin als Filter, durch den die Welt rinnt und als Kunst wieder herausfliesst. Die Berührungs- und Erfahrungspunkte mit der tatsächlichen Welt sind unabdingbar für das kreative Schaffen — was aber als wertvolle Inspiration gilt und was nicht, wird laufend neu verhandelt. Das Erleben einer Frau, betrachtet man die Literaturgeschichte, erhielt lange kaum bis keine Beachtung, das Erleben einer Künstlerin erst recht nicht. Dass diese Lebenswelten heute mehr Aufmerksamkeit erhalten und auch literarisch diskutiert werden, ist ein bereichernder Perspektivenausgleich auf dem Weg zu mehr gegenseitigem Verständnis:

In der Schule zu still und krumm sitzend, auch nicht fleißig genug und dann später auch nie genug schön, nicht genug zart, glitzernd, nach Frühling riechend, nicht genug selbstbewusst, aber vor allem nicht genug rücksichtsvoll, nie genug Hingabe, Aufgabe, Liebe.

Obwohl die Erzählerin Julia heisst und sowohl sie wie auch H., ihre gemeinsamen Kinder, A. und Julias Mutter angelehnt sind an reale Personen, ist Die Vermengung als Ganzes erfunden, wie Julia Weber im Anhang festhält. Passend zu dieser Unschärfe zwischen Wahrheit und Fantasie zitiert sie dazu Natalia Ginzburg: «Es ist alles erfunden, aber die Autobiografie geht durch die Tür hinaus und kommt zum Fenster wieder herein» (Aus: Es fällt schwer, von sich selbst zu sprechen, aber es ist schön, zusammengestellt und aus dem Italienischen von Maja Pflug, Wagenbach, 2001). Obschon sich die Fiktion zwangsläufig mit der Realität vermengt, ist Die Vermengung viel mehr als ein autobiographischer Erfahrungsbericht. Neben Denkanstössen rund um die Themen Kunstschaffen, Muttertum, Frau- und Menschsein ist dieses Buch dank Julia Webers unverwechselbaren, zuweilen geradezu schmerzhaft-intensiven Sprache auch ein zutiefst literarisches Werk. Dieser Genrehybrid zeigt gekonnt und facettenreich auf, dass das Leben keine runde Sache ist, sondern eine wundersame Amöbe, die ihre Form laufend verändert, unberechenbar und vielgestaltig.

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