Eine Neigung zum «Verschwurbeln»

Beat Mazenauer über Vollmondhonig von Peter Weingartner

Dem Essen kann auch Peter Weingartner nicht widerstehen, doch bei ihm geht es entschieden bodenständiger zu. Gleich im ersten Abschnitt klopft der Serien-Polizist Anselm Anderhub ein Spiegelei in die Pfanne und brät Speckstreifen dazu. Dazu gibt es frischen Butterzopf. Den sonntäglichen Morgenbrunch lässt er sich nicht nehmen, mag passieren, was will. Doch wenig später wird ein grauslicher Fund entdeckt: eine unbekannte junge Frau in einem Erdloch. Anderhub und das Team von der Luzerner Polizei machen sich auf, eruieren die Identität der Toten, stossen auf das seltsame Gebaren ihres letzten Arbeitgebers und weitere Auffälligkeiten. Allerdings erweist sich der Fall, dem gleich ein zweiter auf dem Fuss folgt, als nicht allzu komplex konstruiert, weswegen es Anderhub gemächlich angehen kann. Er ist ohnehin eher der Geniesser als der akribische Fahnder.

In Sursee als Ort der Handlung herrscht eine landschaftliche Behäbigkeit, die Peter Weingartner trefflich einfängt. Die Wege sind kurz, selbst wenn der Fundort der Leiche etwas ausserhalb liegt und die Kriminalpolizei in der Stadt Luzern ihre Zentrale hat. Im Zentrum steht der in Sursee wohnhafte Anderhub, er bestimmt den Gang der Dinge auch da, wo sein Autor munter die Erzählperspektiven variiert. Anderhub ist ein Charakterkopf mit allen Stärken und Schwächen. Er plaudert seine verwickelten Gedankengänge frisch von der Leber aus, weshalb seine Sprechweise und seine gedanklichen Abschweifungen diesem Krimi den Stempel der Originalität aufdrückt. Geradezu pingelig achtet er auf den durch den Dativ bedrohten Genitiv. Allerdings tut er diesbezüglich des Guten zu viel. Anderhubs sprühender Witz neigt dazu, zu «verschwurbeln», wie er es selbst ausdrücken würde. Der ausgefuchste Rhetoriker klingt oft ausgesprochen langfädig und ungelenk. Aus der einfachen Geduld wird ein «Wartevermögen», der noch nicht festgetretene Boden «harrt in seiner Weichheit der Verdichtung», «männiglich und weibiglich» ergänzen sich, und der zornige Kripochef «kotzt nur noch verbale Brocken». Auch einfachen Metaphern misstraut Anderhub, so dass er sie lieber gleich erklärend definiert. Beispielsweise die «Tränen, die Anderhub mit einem grossen Reptil mit scharfen Zähnen und warziger Haut, das vornehmlich in Flüssen südlicher Gefilde … in Verbindung brachte.» Solche sprachlichen Ungetüme beschweren die Anschaulichkeit und Empathie, mit der Weingartner seine Menschen und ihre Landschaft porträtiert. Sie machen den geradlinigen, einfachen Plot nur sprachlich kompliziert. Und insgeheim stellt sich die Frage, wo die humorige, zugleich doppelbödige Leichtigkeit geblieben ist, die beispielsweise Weingartners Roman-«Blues» Rosa grast am Pannenstreifen (2015) ausgezeichnet hat.

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