Eine Geschichte mit zwei Gesichtern erzählt Martina Meienberg in ihren Roman Und dazwischen ein Ozean. Zwischen den beiden Schwestern Iris und Gabriela besteht eine äusserst schwierige, konfliktbeladene familiäre Beziehung. Während einer gemeinsamen Überfahrt über den Atlantik nach New York wollen sie die dunklen, verdrängten Punkte endlich einmal ansprechen. Sie unternehmen die Reise für Lea, die nicht mehr dabei sein kann. Sie ist ein Jahr zuvor, kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Lea ist Gabrielas Tochter, sie ist aber bei Iris aufgewachsen, weil Gabriela als Künstlerin kaum Zeit für sie hatte. Ihren Vater hat Lea nicht gekannt. Die Mutter verschwieg ihn vielleicht auch deshalb, weil er zuerst mit Iris liiert war, sich dann zu Gabriela hingezogen fühlte. Diese brisante Ausgangslage bietet reichlich Gesprächsstoff.
Martina Meienberg erzählt die Geschichte zweistimmig. Iris hält Tag für Tag fest, was sich auf der Reise zuträgt, welche Gespräche sie führen – oder nicht, und woran sie selbst dabei denkt. Unterbrochen wird diese Erzählung durch Tagebucheinträge, in der sich Gabriela an ihre verstorbene Tochter wendet und ihr all das Geschehene zu erklären versucht. Aus den beiden Quellen erfahren die leserinnen und Leser, was selbst Iris und Gabriela noch nicht voneinander wissen.
Und dazwischen ein Ozean ist ein konventionell erzählter Tagebuchroman, der nach und nach eine Fülle von Geheimnissen enthüllt und dabei kaum ein Ende findet. Denn was die beiden Protagonistinnen verbindet, ist eine ganze Palette an familiären Katastrophen: Kinderlosigkeit, Scheidung, Verrat, schwesterliche Konkurrenz, verheimlichte Vaterschaft, Kindestod und schliesslich noch Iris' Mitschuld an Leas Tod. Selbst die Eltern leben in Scheidung und die Schwestern sind eigentlich nur Stiefschwestern, was die Konflikte keinesfalls besänftigt. Die beiden Protagonistinnen sind in einem Kokon der Verschwiegenheit gefangen, in dem sie bisher je auf eigene Weise die Missverständnisse und Gefühle der Schuld gepflegt haben. Ihre problematisches Verhältnis baute auf die Gutmütigkeit ihrer Umgebung, bei den Eltern und den Freunden, die sich am Ende mitbeteiligt haben am Gewebe des Verleugnens und Verschweigens. Leider wirkt dieses Beziehungsgefüge in dieser unendlich vertrackten Komplexität allzu stark aufgeladen, überzeichnet und schliesslich in der erzählerischen Durchführung auch nicht gefeit vor melodramatischen Zuspitzungen. Weniger Drama wäre mehr gewesen. Auch wenn die Autorin das geschönte Happyend vermeidet, bleibt der Roman so doch zu sehr an der psychologischen Oberfläche haften.
Fokus «Fünf Debütromane im Frühjahr 2023», von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3. 7. 2023