Eigenwillig, unnahbar

Beat Mazenauer über «Walzer für Niemand» von Sophie Hunger

Balthus, Le salon, 1942, The Museum of Modern Art, New York

Auf ihrem Debütalbum «Monday's Ghost» besang Sophie Hunger 2009 in einem zart intonierten «Walzer für Niemand» ein Du, das immer da ist und das dem lyrischen Ich so vertraut wie niemand ist. Jener Niemand ist alles und niemand zugleich, und das Lied besingt die Freundschaft der Sängerin so gut wie ihr Alleinsein.
Dieses Wortspiel mit «niemand» hat ein mythisch-literarisches Vorbild. Als Odysseus in der Höhle des Kyklopen Polyphem gefangen war, stellte er sich dem Peiniger als «Niemand» vor. Die List gelingt. Als er Polyphem mit einer Brandfackel das Augenlicht raubt, ruft der seine Kumpane vergeblich mit «Niemand bringt mich jetzt um» zu Hilfe. «Niemand» ist für Odysseus Rettung wie Alterego.
«Es ist Niemand», flüstert auch eine Figur in Sophie Hungers Debütroman Walzer für Niemand, in dem das erwähnte Lied ausgefaltet wird. Niemand ist allgegenwärtig und zugleich eine Schimäre, die Anwesenheit des Abwesenden und der unverzichtbare Freund der Ich-Erzählerin. Ja vielleicht sind die beiden nur Eines, das sich im Alleinsein verdoppelt?

Sophie Hunger erzählt von zwei Kindern, später Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die beiden verbindet eine symbiotische Freundschaft. Gemeinsam und eigensinnig sondern sie sich von all den Jemanden in der Welt ab. Niemand berührt die Erzählerin, ausser Niemand.
Von Balthus, dem Maler, gibt es ein rätselhaftes Bild, das «Le salon» heisst (1942) und zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, in seltsam verdrehten Posen zeigt. Während das Mädchen auf dem Sofa hingestreckt döst, liest der Jungen auf allen Vieren am Boden in einem Buch. Die beiden wirken unnahbar und zugleich innig miteinander verbunden. Sie sind wie von einer unsichtbaren Hülle umgeben, welche sie vor der Aussenwelt schützt, die sie nicht zu kümmern scheint. Walzer für Niemand atmet eine vergleichbare Stimmigkeit und intoniert sie sprachlich. Der Roman erzählt die Geburt der Erzählerin aus dem Geiste der Musik und der Verbundenheit in einem geheimnisvollen Wir.

Uns gefiel die einzelne Stelle viel, viel besser als das grosse Ganze. Wir mochten keine Geschichten, egal, in welcher Form. (…) Geschichten: was für eine ekelerregende und erstickende Erfahrung.

Dieses Zitat aus dem ersten Kapitel schlägt den Grundton an. Sophie Hunger erzählt keine Geschichte, sie beschwört mit sprachlichen Mitteln eine Stimmung, die nur schwer fassbar wird. Die Erzählerin und ihr Freund Niemand bilden eine Gemeinschaft, zwei wilde Kinder, die sich der Elternwelt entziehen.
Sie lernen gemeinsam lesen und schreiben, besuchen die Schule, werden von dieser verwiesen, nehmen sich die elterliche Plattensammlung vor, lassen die Kindheit hinter sich, siedeln nach Deutschland um und kehren zurück. Während das Ich sich mehr und mehr der Musik hinwendet, von dieser infizieren lässt, regt sich bei Niemand ein Interesse für die Kultur der Walser – auch weil die Erzählerin eine Walserin gewesen sein müsse. Sophie Hunger lässt diese beiden Welten einander kapitelweise abwechseln, mal erzählt die Erzählerin, wie die Musik allmählich in den Vordergrund rückt, mal wird in historiographischen Einschüben aus der Volkskunde der Walser berichtet, von ihren Wanderungen, Bräuchen und matriarchalen Legenden. Trotz der grossen Sprachskepsis tauchen auch Lektüren auf, etwa Agota Kristofs Das grosse Heft, dessen Protagonisten Lucas und Claus Wesensverwandte der Erzählerin und ihres Freundes sind.

«Nein, nein, wir haben nie von der Sprache erwartet, genau zu sein, wir erkannten sie in ihrer tiefen Unruhe.» Genau so ist die Sprache in diesem Buch ganz erfüllt von Gefühlen, die zwischen elektrisierender Ekstase und nervöser Angst vor zwischenmenschlicher Intimität schwanken. Während die Erzählerin trotz allem zu einer musikalischen Bühnenpräsenz findet, tun sich feine Risse gegenüber Niemand auf, entfernt sie sich allmählich von ihrem Freund.

Eingangs hält die Autorin fest, dass es sich bei ihrem Roman um «ein Werk der Fiktion» handle und sämtliche Charaktere «Kunstfiguren» seien. Das ist unbedingt ernst zu nehmen und täuscht doch nicht ganz darüber hinweg, dass in diesem Buch auch biographische Ähnlichkeiten zwischen Autorin und Erzählerin mitschwingen. Letztere heisst ebenfalls Hunger, und sie steht an der Schwelle zu einer erfolgreichen musikalischen Karriere. Gegen Ende klingen auch Zitate aus Sophie Hungers schillernden Liedtexten mit, in denen sie das Unerklärliche für einen musikalischen Moment festhält.

There is still pain left
There are still more wicked panic attacks
Still molecules intact
There is still a darker black

Walzer für Niemand ist eine Prosa voll schillerndem Eigensinn und funkelnder Poesie, ein Roman über Freundschaft und Alleinsein, eine Reflexion über die tröstliche, befreiende, poetische Kraft der Musik. Sophie Hunger erzählt von zwei Charakteren, die zwischen Aufruhr und Unterwerfung peilen, wie es bei Peter Weiss in Abschied von den Eltern heisst, doch ihr Antrieb zum Widerstand sind weder die Eltern noch ein gesellschaftliches Diktat, sondern einzig ihre eigene Gefühlswelt, in der sich Wunsch und Traum und Erregung mischen: «Wir wachten über uns inneres Exil, als wäre es die Metropole unseres Wesens.»
Und dann heisst es eben: «Es ist Niemand, flüstertest Du». Niemand spricht mit der List des Odysseus – bloss, um sich wohin zu retten? Niemand hat mich verlassen, könnte die Erzählerin darauf antworten, als sie auf der Pont Marie zwei Schuhe erkennt – und weiterfragen, wie am Ende ihres Liedes:

Niemand, was, was willst du?
Von mir?
Von mir?
Von mir?

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