Durch die Unterwelt der Depression
Beat Mazenauer über «Weg» von Rina Jost
Rina Jost: Weg
Weg oder weg. Der Titel von Rina Josts Debüt lässt sich, je nach Betonung des «e», als ein «weg Sein» oder «auf dem Weg Sein» lesen. Tatsächlich erfüllt das Buch beide Lesarten. Wie Nando von Arb macht auch Rina Jost keinen Hehl daraus, dass sie Angststörungen und Depressionen in ihrer Graphic Novel thematisiert. Auf der Titelseite steht ein entsprechender Hinweis auf Beratungsangebote im Anhang. Der Weg, den ihr Buch aufzeigt, führt durch die Unterwelt der Depression. Rina Jost erzählt dabei, wie Nando von Arb, keine Geschichte im eigentlichen Sinn. Ihr Buch ist eher ein Stationenweg, der durch eine Reihe von metaphorischen Landschaften führt und immer wieder neue Prüfungen bereithält. Es geht dabei um Sybil, die von Depressionen geplagt förmlich versteinert und in ihrem Bett versinkt. Die Schwester Malin folgt ihr, indem sie mit dem kleinen Familienhund ebenfalls in Sibyls Bett eintaucht und in einer steinigen Gegenwelt wieder ausgespuckt wird. Es dauert nicht lange, bis sie von seltsamen Kreaturen gepiesackt wird, in einen Fluss fällt und am andern Ufer von drei sonderbaren Unterweltsgestalten empfangen wird. Diese können ihr nicht sagen, wo Sybil steckt, aber sie weisen ihr eine Richtung. Malin folgt der Schwester wie einst Orpheus seiner Eurydike. Sie begegnet dabei mal zuvorkommend netten, mal furchterregenden Figuren und Kreaturen, die nicht helfen können, wie ihr bedeutet wird, weil dies nur die Schwester selber könne.
Es sind diese skurrilen Figuren und die fantastischen Landschaften, die dem Band Charme verleihen. Malin stolpert durch ein Geister- und Märchenreich, das Rina Jost mit vielen Details ausstaffiert. Ihre Bildsprache vertraut auf eine klare Figurenzeichnung und auf farbig zurückhaltende Stimmungen, die sich manchmal zu ganzseitigen Landschaften auswachsen. Die Geschichte erfordert nur spärliche Dialoge, die hin und wieder allerdings etwas allzu naiv oder therapeutisch gelenkt anmuten. In letzterem liegt sicherlich eine Schwäche dieses Buches. Der therapeutische Aspekt legt sich zuweilen wie eine Folie über die Bilderzählung. Die zitierte Unterscheidung von Kunst und Therapie hält Rina Jost nicht immer ein. Andererseits ist dem Band zugute zu halten, so nochmals mit Muschg, dass die Therapie «der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie» dient. Vielleicht ist es ja Malins Anteilnahme, die Sybil letztlich den Ausweg aus der Versteinerung und der depressiven Stimmungslandschaft ermöglicht.
Aus: «Neue Schweizer Graphic Novels», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.06.2024)