Dr Grosvatter, dr Sämi u d Isabel
Beat Mazenauer über Unger üs von Guy Krneta
«Familien isch, we mr unger üs sy, het dr Grosvatter gseit.» Und weil das selten vorkommt, packt er die Gelegenheit beim Schopf und berichtet den versammelten Kindern und Enkeln von seiner Idee, das Familiengrab zu erweitern. Damit sie alle auch weiterhin unter sich bleiben würden. Wie immer bei solchen Ideen, zumal wenn's auch um Geld geht, ist es mit der Einigkeit schnell vorbei. Die ungleichen Kinder haben verschiedene Auffassungen von dem, was mit ihnen nach dem Tod geschehen soll. Doch Grossvater überzeugt sie mit dem kurzen Porträt all jener Vorfahren, die bereits auf dem Grabstein stehen. Das ist der eine Strang in Guy Krnetas «Familienalbum», wie sein neues Buch im Untertitel heisst. Es umfasst 80 kurze Erzählungen: zum Teil schnelle Momentaufnahmen, zum Teil fortlaufende Geschichten wie die vom Ich-Erzähler, der als Dienstverweigerer in einem Genfer Knast einsitzt. Solchen «Delinquenten» wurde damals in den 70er und 80er Jahren eine harte Lektion erteilt. Doch waren schon damals auch Widersprüche erkennbar. Weil im Militärtribunal ein Richter sass, berichtet der Erzähler, der lange Haare zum Rossschwanz gebunden trug, habe er sich subito eine Glatze rasiert. Im Genfer Gefängnis begegnet er zwielichtigen, schrägen und netten Typen. Vor allem lernt er im Ausgang eine junge Frau aus Peru kennen, die Isabel, die bei ihrer Mutter zu Besuch weilt und in einer Beiz serviert. Aus einem ersten Gespräch entwickeln sich zarte Bande einer Beziehung. Zuhause in Peru soll Isabel mit einem ungeliebten älteren Mann, dem Dorfbürgermeister, verheiratet werden. Der Erzähler muss sich entscheiden, glaubt er – kein leichtes Unterfangen, allein schon wegen der interkulturellen Missverständnisse.
«Aber das, wo vo üs blybt, sy so Gschichte, wo me cha vrzeue», erklärt der Grossvater beharrlich und berichtet vom Besuch eines früheren Lehrers, der ihm noch nach Jahrzehnten vorhielt, er sei als Mitglied der Schulkommission mitverantwortlich dafür, dass er als «militanter Militärvrweigerer» keine Stelle mehr gefunden habe. Der gemütliche Grossvater zeigt sich unvermittelt von seiner bürgerlich konservativen Seite, die einen langen Schatten zurück in jene dumpfe Vergangenheit wirft. Guy Krneta hält diese Geschichten Bild für Bild fest. Wenn eine Familie zusammenkommt, erhält das geliebte Idyll schnell Risse. Etwa durch die Cousine Vivienne. Sie lebt in den USA, doch wo sie zuhause sei, könne sie nicht recht sagen – vielleicht in der Arbeit. Wenn die anderen vertraulich von Sprache und Heimat reden, fühlt sie sich provoziert. «Aber d Schprach syg kes Deheime. Di heig keni Wäng», protestiert sie, wenn sie selbst aus einer Sprache in eine andere wechsle, werde sie «en angeri». Doch den Grossvater vermag sie davon nicht zu überzeugen.
Die Sprache ist ein Kernthema bei Guy Krneta. Sie ist es hier schon rein formal, indem er im Berner Dialekt erzählt. Das ist ein Statement – doch keines, das zur Einkapselung drängt. Dialektsprache will hier einfach als literarische Ausdrucksform angesehen werden, fernab von Klischees und Beschränkungen. Auch wenn Unger üs bei einer Familienkonferenz ansetzt, öffnet Krneta sogleich den erzählerischen Kosmos. Politisches kommt zur Sprache, und das Übersetzen wird zum Thema. Der Erzähler hilft Mitgefangenen im Knast beim Formulieren von Briefen im fremden Idiom. Und die Cousine Vivienne hat eine vergessene Sprache entdeckt, die lange vor Christus im vorderen Orient gesprochen worden sei: «E Schprach, wo me sinnlechi Wahrnämigen ire Dichti chönn üssere, wi süsch i kere Schprach. E hochmusikalischi Schprach, Dichtig per se.» Der scheinbare Widerspruch zwischen Grossvater und Vivienne ist (nur) literarisch aufzuheben. Jede Sprache kann erzählen, jede Sprache ist auf eigene Weise musikalisch. Wo beides zusammen kommt, da entsteht so etwas wie Heimat. Genau das demonstriert Guy Krneta mit seinen Erzählungen: lautlich, rhythmisch, vital und witzig. Welt wird sichtbar im Kontext der Familiengeschichten.
Und dann wäre da noch der Onkel Sämi. Er ist das vitale Herz dieses Familienalbums. Ein liebenswerter Fabulierer, dessen Lebensentwurf gescheitert ist, vielleicht scheitern musste. Doch von diesem lustigen Freigeist sind dem Erzähler wunderbare Anekdoten in Erinnerung geblieben. Sämi war jederzeit für eine komische Idee gut. Er war anders als die Verwandtschaft, er sang in einem Schwulenchor und musste sich als Nicht-Schwuler in dieser Umgebung ständig verstellen. Doch er ist tot: «Wider typisch. Absyts vor Pischte». Schabernack und gewitzte Geschichten halten das Andenken an ihn lebendig. Dieser Sämi hat auch gewusst, wann das Erzählen an Grenzen stösst. Wie er einmal von einer Weltreise zurückkehrte, wollte er nichts berichten. Ja, schön sei's gewesen, er habe viel erlebt. Mehr nicht. Grossvater hat kein Verständnis für solche Verstocktheit, ausgerechnet der Erzähler aber verteidigt ihn: «Vilech isch's würklech schön gsi». Mehr wäre dazu nicht zu sagen.
Unger üs steht auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2014.