Die Wunden des Kolonialismus
Beat Mazenauer über Tabak und Schokolade von Martin R. Dean
Vor gut zwanzig Jahren hat der Basler Martin R. Dean mit seinem Roman Meine Väter (2003) die Nöte des Patriarchats beschrieben. Der Erzähler Robert hat zwei Väter, die beide von der Karibikinsel Trinidad stammen. Zwei Väter, das ist einer zu viel. Doch welcher ist der Richtige von den beiden –, davon handelt das lückenhafte Suchbild. Diese biographische Konstellation, die Dean aus eigenem Erleben kennt, greift er nun in seinem neuen Buch Tabak und Schokolade nochmals auf, indem er die grösste Lücke in jenem Suchbild füllt: die Figur der Mutter.
Martin R. Dean ist 1955 im Stumpenzentrum Menziken geboren. Sein Vater ist Ralph Ramkeesoon, ein Mann aus Trinidad, dem seine Mutter Erna mit achtzehn am Londoner Piccadilly Circus förmlich «in die Arme lief». Mit dem Neugeborenen folgte sie ihm 1956 nach Trinidad, wo das Familienglück aber nur kurz währte. Schon nach wenigen Monaten floh sie vor dem betrunkenen Mann aus dem Haus, «um mich vor meinem Vater zu schützen», wie es gleich eingangs von seines Romans in dramatischer Zuspitzung heisst. Mutter und Sohn haben Glück und fanden bei einer isländischen Plantagenbesitzerin Unterschlupf. Die Mutter arbeitete als Sekretärin, der Junge wuchs in Obhut einer geliebten Nanny auf. 1960 endete das «Abenteuer» mit der Reise zurück ins heimische Wynental. Bald schon folgte den beiden ein junger Arzt aus Trinidad, der in Menziken ein Praxis eröffnete. Er ist Martin R. Dean zweiter Vater.
Aus dieser biographischen Konstellation entsteht in Tabak und Schokolade eine dreiteilige Recherche über die Mutter, über die eigene Kindheit, über Herkunft und Geschichte. Dean spürt anhand von Fotos der verblichenen Erinnerung an die Jahre in Trinidad nach, findet bei einem Besuch auf der Insel eine weit verzweigte Verwandtschaft und beschreibt zuletzt die Jugendjahre im Wynental, das damals auch unter dem Stern von politischen Initiativen gegen Migranten und «Gastarbeiter» stand. In dem vielfältigen Familiengeflecht erhalten nebst der Mutter zwei Figuren besonderes Gewicht: Budri Ramkeesoon, der Vater von Ralph, sowie die Grossmutter Erna Meta Galliker, die in jungen Jahren aus Rügen floh und in der Schweiz die Sorge um Anpassung zur Vollendung trieb. Was Martin R. Deans Roman so attraktiv wie brisant macht, ist diese widersprüchliche Konstellation aus Sesshaftigkeit und Migration, Rechtschaffenheit und Ausgrenzung. Dean war schon immer ausgesprochen wachsam bezüglich rassistischer Benachteiligung, die er als dunkelhäutiger Junge selbst erfahren hat. In seinem Buch stellt er diese Erfahrung in einen grösseren kolonialgeschichtlichen Zusammenhang, der auch die Gewalttätigkeit seines leiblichen Vaters Ralph zu Teilen erklärt, doch nicht legitimiert. «Es war die Gewalt eines Menschen, der, als Teil einer ihrer Traditionen beraubten Gesellschaft, keine moralische Verankerung hatte», schreibt er. Auf seiner Reise nach Trinidad trifft er auf zwei miteinander rivalisierende Clans, die Sinanans und die Ramkeesoons, die sich in Vaters Person verbinden. Beider Vorfahren waren einst aus Indien eingewandert, um auf den Plantagen ausgebeutet zu werden. Inzwischen sind beide Clans ins gesellschaftliche Establishment Trinidads aufgestiegen. Vorab der erwähnte Budri Ramkeesoon, ein grossgewachsener «Gentleman, old school», wie die Mutter von ihm schwärmte, verfügte als Anwalt und Richter über beträchtlichen Einfluss. Und trotzdem blieb die koloniale Vergangenheit unterschwellig virulent.
Mit Erstaunen nahm meine Mutter zur Kenntnis, welche Bedeutung man der Farbe der Haut zumass. Während es in ihrem Dorf gar keine Menschen of Color gab, spielte hier der Ton der Haut für den gesellschaftlichen Rang eine wichtige Rolle.
Deans Blick wechselt zwischen Trinidad und dem Wynental hin und her. In letzterem wendet er sich seiner Grossmutter Erna Meta zu und ihrem Bemühen, bürgerlichen Anstand zu wahren. Die Tabakindustrie sorgte in Menziken nicht nur für Wohlstand, sie brachte auch den Zuzug von Arbeitskräften mit sich, die trotz ihres Fleisses scheel angesehen wurden. Die resolute Grossmutter, die ihre eigene Migrationsgeschichte sorgsam verbarg, wollte nicht zu den ausländischen Zuwanderern gehören, auch wenn ihr «ein farbiges Kind in den weissen Laken einer Wöchnerin im Bezirksspital» die Assimilation nicht eben leicht machte. Doch mit ihr, «meiner verehrten Grossmutter», verbindet der Enkel eine besondere Vertrautheit.
In diesem Zusammenspiel von so ganz unterschiedlichen Familienzweigen entwickelt sich das Suchbild der Mutter zu einer kleinen kolonialgeschichtlichen Schau, die nebst dem Tabak auch die Leidenschaft des Autors für Süsses mit in den Blick nimmt – auch die Schokolade ist ein Produkt der kolonialen Ausbeutung. Dass die Ausgrenzung bis heute nachwirkt, deutet Martin R. Dean – das R steht für seinen Familiennamen Ramkeesoon – damit an, dass er nach dem Tod der Mutter bei der Aufteilung der Erbschaft aussen vor bleibt. Wo «die Familie» vom juristischen Willensvollstrecker Haus und Inventar zugesprochen erhält, bleibt ihm der wertvollste, weil so auch unvergängliche Besitz: ein paar Fotos und die Erinnerung. Darin liegt die Kraft dieses autobiographischen Romans: «Die Krankheit des Vergessens holt sich bei meinen Verwandten all das zurück, was ich ihnen abgerungen habe. Meine und meiner Mutter Geschichte.»
Martin R. Dean beschliesst sein Buch mit einem Foto von sich als Jungen auf einem Schlitten im Schnee.
Erst jetzt, da ich den Schlitten wieder vor mir sehe, fällt mir ein, dass ein Name auf seiner Unterseite stand: Ramkeesoon. Meine Mutter hatte diesen Namen mit einem Filzstift hingeschrieben. Er stand da, rätselhaft, wie das Wort Rosebud, das auch auf einem Schlitten stand.
Es ist eine versteckte Anleihe an Orson Welles' grossartigen Film Citizen Kane. Die Wahrheit des Tycoons, nach dessen Geheimnis im Film gefahndet wird, liegt schliesslich in diesem Wort «Rosebud» aufgehoben, das auf dem Schlitten seiner Kindheit steht. Vieles lässt sich erklären, sagt uns dieser Hinweis, doch der intime Kern der Sache bleibt oft unmerklich in kleinen Dingen aufgehoben. Darauf verweisen in Tabak und Schokolade auch die privaten Abbildungen. Sie bewahren die Erinnerung an die Kindheit auf, nicht aus Nostalgie, sondern als Ursprung dessen, was mal Glück heisst, mal Ausgrenzung, und zuletzt im Gelingen dieses Romans vollendet wird.