Die Elefanten im Raum benennen
Jonas Rippstein über «Episoden von Alltagselefanten» von Gianna Rovere
Kaum zu übersehen sind sie. Eigentlich. Denn übersehen werden sie dennoch, trotz ihrer Grösse: Die Rede ist von Elefanten, von denen es augenscheinlich – so wird einem nach der Lektüre von Episoden von Alltagselefanten bewusst – überall nur so wimmelt, in unzähligen unerwarteten Formen und Farben. Auf diese überraschende Auseinandersetzung mit den Dickhäutern begibt sich die Ich-Erzählerin in Gianna Roveres literarischem Debüt, und erkennt in scheinbar disparaten Episoden, wie sich Elefanten als Projektionsflächen gesellschaftlicher Zuschreibungen, insbesondere im Hinblick auf den weiblichen Körper, erweisen.
Wer die ersten Seiten von Episoden von Alltagselefanten aufschlägt, bemerkt zugleich, dass es sich um kein herkömmliches Buch handelt: In 94 Mini-Kapiteln, sogenannten «Episoden», werden kleinere und grössere Alltagsbeobachtungen geteilt, die immer auf nur einer Seite Platz finden. Sie fassen meist eine Kurzerzählung in Verbindung zu den Elefanten, mal näher an den Riesen, mal weiter weg. Auffällig ist zugleich die grafische Umsetzung der Episoden: Auf der Rückseite gewisser Kapitel finden sich zuweilen Bilder, aber auch etymologische Erklärungen oder Quellennachweise zu den Texten. Durch diese Anordnung wird in der typografischen Umsetzung auf kluge Weise transparent gemacht, was wortwörtlich «hinter den Seiten» steckt.
Zur lauten Maxime des Buches wird, was die Erzählerin in der Episode «Chat» einem Chatbot erzählt: «But everything leads to elephants.» Dieser Satz steht übergreifend für das gesamte Werk. Die Episoden finden immer wieder ihren Weg zu den Rüsseltieren und stellen teils unerwartete Verbindungen auf. Roveres Sprache bleibt dabei unauffällig: Sie beschreibt Alltägliches, und lässt viel Raum für Assoziationen. Es fällt besonders auf: Die Episoden sind sehr physisch, jeder Zentimeter des Elefantenkörpers wird früher oder später zum Thema.
Exemplarisch wird gezeigt, wie Erwartungen und Ideale sowohl auf die Tiere als auch auf Frauen angewandt werden; und sich selbst die Dickhäuter patriarchaler Schönheitsideale nicht entziehen können: «Ich presse meine Backenzähne aufeinander und fühle mich wie die Elefantin, die in den patriarchalen Zoo gesperrt, begafft, beglotzt, bewertet, kommentiert und bespuckt wird», sagt die Erzählerin. In der Episode «Verschluckt» heisst es: «Im Interview sagt der Mann zur Frau: Fett ist wie Trauma, das in deinem Körper gefangen ist.» In dieser Verbindung, dem Körperlichen und der Projektion, liegt ebenso der Grund, weshalb sich die Erzählerin für Elefanten zu interessieren begann: Nämlich nachdem sie in einem Elefantenhaus hört, wie zwei junge Männer abschätzige Kommentare zur Brust einer Elefantenkuh äussern.
Die Elefanten sind meist stille Begleiter:innen des Alltags, und füllen oft unscheinbare Räume. So passt auch auf paradoxe Weise der Ausdruck des «Elefanten im Raum» zum Büchlein: Denn hier ist der Elefant gerade nicht das raumeinnehmende, unübersehbare Element, sondern meist ganz leise und klein im Hintergrund vorzufinden. Und dies obschon die «Alltagselefanten» grosse Themen nicht auslassen, denn die Tiere sind widerständige Figuren: Sie verkörpern eine gewisse Stärke, eine Beständigkeit und haben ein andauerndes Erinnerungsvermögen – beides Dinge, die vom Patriarchat aus einer weiblichen Erfahrung verbannt werden sollen.
Erkennbar wird im Laufe der Lektüre ohnehin, dass die Elefanten auch der Erzählerin ans Herz wachsen: Sie sind nicht nur Ausgangspunkt für eine literarische Auseinandersetzung, sondern werden zu einem Bestandteil ihres Alltags. Sie beginnt, Elefanten zu sammeln, und verschiedenste Menschen in ihrem Umfeld kommen auf sie zu und erzählen ihr ihre «Elefantengeschichten»: So etwa eine Künstlerin mit der sie spricht, die erzählt, dass sie als Jugendliche beim Anblick eines goldigen Elefantenanhängers in einem Schaufenster weinen musste wegen dessen «verlorener Freiheit». Die Verbindung zum Alltäglichen zeigt schön, dass Literatur nicht ein starrer Ort mit klaren Regeln sein muss, sondern dass sich literarische Potentiale überall in unserer Lebenswelt befinden.
Diese Form des Sammelns erinnert auch an eine spezifisch feministische Schreibweise, in der das Fragmentarische nicht als Mangel erscheint, sondern als literarische Entscheidung, die Vielstimmigkeit und Erfahrungsoffenheit zulässt. Roveres Text verweigert sich einer linearen Erzähllogik und bevorzugt stattdessen eine Struktur, die Widersprüche und Brüche zulässt: Dass die Elefanten immer wiederkehren, dabei aber nie ganz greifbar werden, spiegelt das tastende Schreiben der Erzählerin, das sich zwischen Beobachtung, Dokumentation und Reflexion bewegt. So wird nicht nur der Alltag zum Thema, sondern auch zur ästhetischen Form: in kurzen Episoden, die sich einem eindeutigen Sinn entziehen und gerade dadurch ein vielschichtiges Bild gesellschaftlicher Wirklichkeit entwerfen.
Am Ende wird deutlich: Die Elefanten sind nicht nur Ziel-, sondern auch Startpunkt einer poetischen Bewegung, die tief in gesellschaftliche Strukturen hineinführt. In Roveres Debüt führen die Spuren darüber hinweg zu Strukturen, die Körper aller Art lesen, disziplinieren und übersehen. Episoden von Alltagselefanten ist vieles: formal offen, zettelkastenartig und bildhaft zugleich. Zuallererst ist es aber ein politisches Buch, denn Rovere schreibt nicht nur über Elefanten, sondern mit ihnen, als stille Kompliz:innen, als Projektionsflächen einer Gesellschaft und als widerständige Körper.