Dichterische Kraft und thematische Brisanz: Flurina Badels mehrstimmiger Roman «Tschiera»

Rico Valär über «Tschiera» von Flurina Badel

Romane in rätoromanischer Sprache waren in den letzten Jahren eher selten, insbesondere solche aus dem Engadin. Erschienen sind vor allem Neuauflagen und eine Eigenübersetzung ins Rätoromanische eines älteren deutschsprachigen Romans von Oscar Peer. Umso grösser waren die Erwartungen und umso lebhafter das Interesse für den neuen Roman von Flurina Badel, ihren Prosaerstling, den die Chasa Editura Rumantscha letzten Oktober publizierte.

Die Wucht der Emotionen zieht uns von der ersten Seite an in den Text, mitten in die Verzweiflung der Protagonistin: Aitas Mutter ist eben gestorben, die Tochter ist aus Wien ins Unterengadin zurückgekehrt, in das Elternhaus, das sie mit ihren beiden Brüdern geerbt hat. Sie irrt allein durch die Zimmer, alles weckt Erinnerungen an die Mutter, die für sie immer noch das Haus beseelt. Doch bevor sie sich der Trauer hingeben kann, muss sich Aita bereits mit dem Verkauf des alten Engadinerhauses an solvente Käufer aus dem Unterland befassen. Ihre Brüder wollen das Haus an die Meistbietenden verkaufen, ohne Rücksicht auf Wohnraum suchende und kaufinteressierte Einheimische, die weniger bieten können.

In zwei verschiedenen Welten

Man könnte Tschiera einen Gesellschaftsroman nennen, denn das Figuren- und Stimmengeflecht des Texts nimmt die gegenwärtige wirtschaftliche und soziale Situation des Engadins unter die Lupe. Es zeigt eine ausgeprägte Aufmerksamkeit für Veränderungen und Entwicklungen, für kollektive wie individuelle Schicksale und Konflikte. Auf den gut 200 Seiten eröffnet der Text fein gefasste Einblicke in Lebensrealitäten und -konflikte der Protagonistin Aita und des zweiten Protagonisten, des ehemaligen Treuhänders und aktuellen Ladenbesitzers Luis, mit ihrem je eigenen Umfeld, ihren Familien und Gefährten.

Aita begleiten wir nicht nur in ihrer Trauerarbeit und ihrem Abschiednehmen, sondern erleben auch Identitätssuche, Orientierungslosigkeit und schlussendlich Seelennot und Depression – die durch den «Nebel im Kopf» symbolisiert werden. Mit Aitas Wiener Milieu der «Lohas» – kulturengagierte Menschen, die einen «Lifestyle Of Health and Sustainability» leben wollen – evoziert die Autorin auf geistreiche und gewitzte Art und Weise eine Gegenwelt zum Unterengadin, die trotz aller Kontraste ebenfalls durch Wohnungsnot und Gentrifizierung geprägt ist und sich mit Nachhaltigkeitsfragen befasst.

Durch Luis, der als ehemaliger Treuhänder die Geschäfts- und Immobilienwelt nur zu gut kennt und der als Idealist den darbenden Dorfladen übernommen hat, erhalten wir Einblick in ein Familienleben, in komplexe Freundschaften und Abhängigkeiten, in die einheimische Gemeinschaft sowie den Ladenalltag. Der Dorfladen ersetzt als letzter Gemeinschaftsraum im Dorf auch die Beiz und den Stammtisch und wird so zum eigentlichen Forum für Begegnungen, Debatten und Streitereien. Das ganze Dorf defiliert durch den Laden und auf dem schwarzen Brett begegnen sich Immobilieninserate aller Art: Erst- wie Zweitwohnungen werden gesucht und verkauft.

Divergierenden Stimmen und Perspektiven

Die beschriebene poliperspektivische Ausgangslage mit zwei widerspenstigen Protagonisten (ihre Emotionen umfassen auch Gewaltanwandlungen, Zynismus, Aktivismus, Frust), die sich in verschiedenen Welten bewegen und ganz unterschiedlich auf die gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderungen reagieren, öffnet einen Gesprächsraum, in welchem sich divergierende Stimmen, Meinungen und Perspektiven betreffend des zentralen Themas des Romans begegnen: das Zusammenleben der Dorfgemeinschaft in einer Situation fehlenden Wohnraums für Einheimische bei gleichzeitiger Umwandlung bestehender Immobilien in Spekulations- und Luxusobjekte für Touristen, Zugezogene oder Zweiteinheimische, welche die Gentrifizierung, Touristifizierung und Folklorisierung vorantreiben. Was bedeuten diese Prozesse für die einheimische Bevölkerung, für individuelle Identitäten, für kulturelle, sprachliche und demografische Verschiebungen im Dorf? Wer begrüsst die Veränderungen, wer profitiert davon, wer ist skeptisch, wer leidet, wer muss wegziehen?

So werden die beiden ungleichen Perspektiven der Protagonisten erweitert um eine Vielstimmigkeit, zu welcher Nebenfiguren wie die beiden Brüder Aitas, die Gemeindepräsidentin Andrea oder der Schreiner, Luis’ bester Freund, viel beitragen – obwohl sie teilweise etwas schematisch bleiben. Der Text belegt das grosse Bedürfnis, Entwicklungen nachzuzeichnen und in Frage zu stellen, die als problematisch wahrgenommen werden. Politische und künstlerische Arbeit der Autorin begegnen sich (das Buch ist «allen, die im Engadin leben» gewidmet) – und doch resultiert im Roman kein unilateraler Diskus. Dank seiner Mehrstimmigkeit evoziert der Roman vielmehr die Komplexität und Brisanz aktueller Entwicklungen.

Reiche Sprache, leichtfüssiger Stil

Eine Stärke des Romans sind der Reichtum und die Diversität der Sprache. Wie in ihren lyrischen Texten kombiniert Flurina Badel auch in ihrem Roman ausdrucksstarke und bedeutungsspezifische rätoromanische Wörter, die auf die Sprachtradition verweisen, mit Neologismen, Anglizismen und Germanismen aus der heutigen Alltagssprache, wie cnipsar, cübel, photoshoppar, pipsar, schnepli, snäc, superbanal oder tscheccar. Die intelligent eingesetzte Sprachvariation unterstützt die Nuancierung der Figuren (Junge sprechen anders als Ältere, Handwerker anders als die Gemeindepräsidentin) und der jeweiligen Kommunikationssituationen (Gespräche am Familientisch oder im Laden, 1.-August-Rede vor der Gemeinde).
Dieses thematische und sprachliche Kondensat könnte schwerfällig wirken – dies ist jedoch nicht der Fall: Der feine Humor, die Leichtigkeit des Stils, die psychologische Feinzeichnung, die sinnlichen Beschreibungen und temporeichen Dialoge schaffen zusammen mit der Variation verschiedener Innenperspektiven und den abwechslungsreichen Schauplätzen eine spannende, ergreifende und inspirierende Leseerfahrung. 60 Jahre nach Cla Bierts La müdada / Die Wende und 40 Jahre nach Anna Pitschna Grob-Ganzonis Temp scabrus (Zerfahrene Zeiten) erhalten wir – ob wir nun im Engadin leben, von dort weggezogen sind oder dort unsere Ferien verbringen – dank diesem Roman wieder einen intelligenten, substanziellen und fantasievollen literarischen Spiegel unserer Gegenwart.

Flurina Badel stellt ihren Roman «Tschiera» (Chasa Editura Rumantscha, Cuira, 2024) an den Solothurner Literaturtagen 2025 vor.
2026 erscheint voraussichtlich die deutsche Übersetzung von Ruth Gantert unter dem Titel «Nebelflüchtige» im Rotpunktverlag.

Diese Rezension ist Rico Valärs Übersetzung seines untenstehenden Originaltexts, der zuerst im Chalender Ladin 2025 erschienen ist. 

Ün nouv roman engiadinais cun forza e brisanza: «Tschiera» da Flurina Badel
da Rico Valär

Romans rumauntschs sun stos magari rers quists ultims ans, quels ladins inamöd. La Chasa Editura Rumantscha nun ho per exaimpel publicho in sieus bod 15 ans d’existenza fin uossa üngün roman ladin originel (per la peja üna bella reediziun ed ün‘autotraducziun da romans dad Oscar Peer). Cun taunt dapü aspettativas, interess e plaschair as tegna in maun il nouv roman da Flurina Badel cha la Chasa Editura Rumantscha ho publicho la fin october.

Cun violenza e disperaziun ans stira il text a partir da la prüma pagina illa situaziun da la protagonista: La mamma dad Aita es morta, ed ella chi’d es emigreda da l’Engiadina Bassa a Vienna, es sul suletta illa veglia chesa engiadinaisa ch’ella ho güsta erto cun sieus duos frers. La mamma la mauncha, la mamma pera preschainta dapertuot, in mincha oget e detagl da quista chesa plaina d’algordanzas. Ma avaunt cu pudair digerir ed elavurer sieu cordöli, stu Aita as confrunter cun la vendita da la chesa a cumpreders da la Bassa. Per sieus duos frers esa cler e net cha la chesa vain vendida per il meglder predsch, sainza piglier resguard sün indigens interessos ma main bainstants.

Duos protagonists chi’s mouvan in spazis divers

Causa sieu interess per la situaziun sociela ed economica actuela da l’Engiadina, causa sia sensibilited per svilups e müdedas e causa sia attenziun per destins e conflicts individuels e collectivs as pudess caracteriser Tschiera scu roman sociel. Sias passa 200 paginas daun spazi per invistas profuondas illas vitas, realiteds e luottas da la protagonista Aita e dal seguond protagonist, l’anteriur fiduziari ed actuel butier Luis, cun lur ambiaints sociels e circuls da paraints ed amihs.

Cun Aita nun accumpagnainsa be il process da cordöli e cumgio, da tschercha d’identited, perdita d’orientaziun e finelmaing da disperaziun e depressiun – simbolisedas da la «tschiera aint il cheu». In connex cun sia protagonista evochescha l’autura scu cunter-muond in möd autentic e spiritus il context urban da Vienna e la bubble dals lohas (las persunas, suvenz activas i’l sectur culturel e creativ, chi prouvan da viver tenor il princip dal «lifestyle of health and sustainability», dimena üna vita sauna, ecologica e dürabla).

Cun Luis chi cugnuoscha scu anteriur fiduziari be memma bain il muond d’affers ed afferists e chi ho scu idealist surpiglio l’ultima butia dal cumün, survgnins invista illas dinamicas d’üna famiglia cun iffaunts, illa rait cumplexa d’amicizchas e dependenzas illa societed indigena taunt scu i’l minchadi da la butia: Ella, chi rimplazza scu spazi sociel eir la maisa arduonda, es ün lö d’inscunter, da debattas e baruffas. Tres la butia defilescha tuot il il cumün, in butia vegnan pendieus sü inserats per tschercher, vender e cumprer abitaziuns e chesas d’abiter u da vacanzas.

Ün roman sociel cun vuschs e perspectivas divergentas

Quista situaziun da partenza cun duos protagonists chi’s sviluppan, chi’s mouvan in spazis divers e chi survegnan üna bella profundited grazcha a lur cuntradicziuns (mumaints da violenza, cinissem, activissem, frustraziun) es üna buna basa per lascher inscuntrer diversas vuschs, opiniuns e perspectivas davart il tema centrel dal roman: la convivenza in üna situaziun inua cha’l spazi d’abiter per indigens mauncha, inua cha las chesas engiadinaisas vegnan transfurmedas in ogets da speculaziun e da luxus, inua cha las tradiziuns sun imnatschedas da dvanter folclora. Che significha quist process per la societed indigena, per las identiteds individuelas, per il svilup culturel e demografic futur dal cumün?

Las posiziuns evochedas i’l roman sun divergentas, niauncha ils duos protagonists nu sun adüna d’accord. Que as muossa, per exaimpel, cur cha Aita examinescha cun ögl critic la spüerta poch ecologica, regiunela e stagiunela da la butia da Luis. Po ün chi nu pensa ecologic propi esser ün idealist? A la polifonia, dimena al fat cha püssas vuschs s’expriman ed aintran in üna debatta, contribueschan principelmaing las figüras laterelas – eir sch’ellas restan per part ün pô schematicas scu ils duos frers dad Aita u la presidenta cumünela Andrea. Il text parta d’ün bsögn da render visibels svilups percepieus scu problematics, el voul fer dumandas e metter in dumanda – la lavur politica e la lavur litterara da l’autura s’inscuntran cò (il cudesch es dedicho a «chi chi sta in Engiadina») – e tuottüna nu resulta i’l roman ün discuors unilaterel. Grazcha a sia polifonia evochescha il roman bgeraunz la cumplexited e brisanza da svilups actuels.

Richezza linguistica, ligerezza da stil

Üna granda fermezza dal roman es la richezza e diversited da la lingua. Scu in sia lirica as cumbinan eir i’l roman da Flurina Badel pleds rumauntschs expressivs e precis scu adögliar, brunclar, brüs-chignar, cozzels, craisp, tuberus u zelus cun neologissems scu blabla, cnipsar, cübel, frehdà, photoshoppar, pipsar, schnepli, snäc, superbanal u tscheccar. Siand cha la variaziun dals pleds correspuonda a la variaziun da las figüras (ün giuven discuorra oter cu ün pü vegl, ün misteraun oter cu la presidenta cumünela) taunt scu a la variaziun dals registers da las figüras (a maisa in famiglia as discuorra oter cu in ün discuors dals prüms avuost), sustegnan las nüanzas linguisticas la caracterisaziun da las figüras e da lur discuors.

Our da tuot quist condensat tematic e linguistic pudess resulter üna lectüra magari pesanta – ma brichafat: il fin umur chi’d es intretscho in text e lingua, la ligerezza dal stil, la finezza psicologica, las descripziuns evocativas, ils dialogs plain tempo taunt scu la variaziun traunter perspectivas internas da diversas figüras e traunter lös d’acziun divers contribueschan ad ün’experienza da lectüra tensiusa, captivanta ed inspiranta. Quista lectüra es per nus tuottas e tuots, ella concerna a tuot la cumünaunza.

60 ans zieva La müdada da Cla Biert e 30 ans zieva Il tunnel da Jon Nuotclà – als quêls l’autura evra reverenzas e referenzas directas ed indirectas – survegnan l’Engiadina e la Rumantschia grazcha a quist roman da Flurina Badel darcho ün excellent spievel litterar intelligiaint, substanziel e necessari dals svilups sociels, culturels ed economics actuels in tuot lur fatschettas.

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