Der letzte Schnee

Verena Bühler über Der letzte Schnee von Arno Camenisch

Auf schmalen 99 Seiten entfaltet Arno Camenisch das Endspiel von Paul und Georg um ihren Schlepplift, die Grundlage ihrer Existenz, nicht nur im materiellen Sinn. Anfangs warten sie auf Schnee und Skifahrer, im Abspann dann – auf den letzten anderthalb Seiten - auf niemand geringeren als «Godo», der nicht kommt. Es hätte diesen expliziten Verweis auf Beckett nicht gebraucht, die äusserst verdichteten Dialoge und die Kargheit der Handlung lassen einen schon nach wenigen Seiten an den irischen Meisterdichter des Absurden denken.

Paul und Georg wähnen sich «auf dem Dach der Welt», wenn sie an einem schönen Wintertag von ihrem «Hüttli» aus aufs Nebelmeer hinunterschauen. Mit ihrer von der Welt abgehobenen Position und der Erinnerung an die vergangenen Glanzzeiten ihres Skilifts täuschen sie sich so gut es geht über ihre prekäre Situation hinweg. Einmal fehlt der Schnee, weil Petrus es nicht schneien lässt, dann herrscht Nebel, und wenn sich doch ein Skifahrer zu ihrer Anlage verirrt, müssen sie ihn abweisen, weil er bei ihnen nicht mit Plastikkarte zahlen kann. Der Schlepplift ist von 1971 und investiert haben sie seither nie etwas in die Anlage. Sie machen zwar hin und wieder eine Revision, wenn der Lift «as bitzali quietscht», aber ihr einziger Tribut an die moderne Arbeitswelt ist, nicht ohne Ironie, das bürokratische Festhalten aller (Nicht-)Ereignisse in einem «Schurnal» sowie das Zählen der Bügel am Lift und der Fahrgäste, die mit dem Lift befördert werden.

Unterbeschäftigt und in einen monotonen Alltag eingebunden, bleibt den beiden viel Zeit zum Philosophieren. Eine weitere Grundvoraussetzung dazu bringen sie mit: Sie können staunen, sei es über die Liebe, diese eigenartige Sache, über das Verschwinden der Post im Dorf oder über das unerklärliche Fehlen eines Bügels am Lift.

Mit feinem Spott überziehen sie die Welt, die sie sich mit dem Feldstecher, übers Fernsehen oder in ihren Erinnerungen und Erzählungen in ihre Abgeschiedenheit holen. Alles wird zumindest angedeutet und aus ihrer Warte begutachtet, was in der Welt draussen gerade Mode ist: die narzisstischen Herrscher, allen voran «der andere da aus La Merica, der Strohkopf mit den gelben Haaren, der immer felsenfest behauptet, alles sei nur gelogen»; die ehrgeizigen Eltern, die aus ihren Kindern Olympiasieger machen wollen; die Leute, die «immer so gute Laune haben, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man selber einmal nicht so gut drauf ist»; und als sie je ein Los aufrubbeln, will Paul nicht etwa herausfinden, ob er Glück hat und etwas gewinnt, sondern ob ihm «das Universum» eine Million schicke.

Bedrohlich wirken nur die unmittelbaren Gefahren, denen Paul und Georg in den Bergen ausgesetzt sind: die Lawinen, die Abwanderung ins Unterland, die Konkurrenz der österreichischen Skigebiete, der Schnee, die Sprache und die Gletscher, die allesamt dahinschmelzen und verschwinden. Die beiden Bergler halten diese Gefahren mal mit Passivität, mal mit stoischer Gelassenheit, mal mit Bauernschläue und mal mit einem absurden Ordnungssinn auf Distanz: Knapp tausend Berggipfel hätten sie im Kanton, erzählt Georg, gut sechshundert Seen und beinahe vierhundert Skianlagen, «und wenn man pro Einrichtung zwei wie wir zählt, kommen wir auf achthundert Leute, die an den Liften bügeln, eine ganze Armee also. Er holt ein Notizbüchlein aus der Innentasche und schreibt sich das auf... Das muss ins Schurnal».

Der Fabulierer Camenisch hat sich vermutlich auch in seinen neuen Roman mit einer eigenen Rolle eingeschrieben. Man meint jedenfalls, ihn im Sohn von Paul und Claire wiederzuerkennen. Der Filius habe zwar seine Talente, erzählt der Vater, aber er sei ins Unterland gezogen und wolle weder als Skilehrer noch auf dem Bau arbeiten. Und immer wieder komme er mit neuen schönen Freundinnen ins Dorf auf Besuch, die in mehreren Sprachen grüssten.

Sprache und Motive rhythmisieren den Text: Immer wieder ist es Viertel vor vier und Georg macht den Sinalco-Sonnenschirm zu. Immer wieder «richtet Paul seine Wollmütze», Georg sein Käppi; sprachliche Floskeln, allen voran «kasch tenka» und «sep scho», aber auch viele Alliterationen erfüllen diese Funktion auf der sprachlichen Ebene. Ein nettes Detail, das zu den Charakteren passt, sind die vielen roten Gegenstände, die im Kontrast zum weissen Schnee an die Farben der Schweizer Flagge erinnern: das rote Kässeli, die rhätische Eisenbahn, die Pfosten zur Markierung der Pisten, die Seile mit den Fähnchen, der Eimer.

Die Welt hat sich an den beiden schrulligen Männern vorbeientwickelt. Sie sind steckengeblieben in einer Welt von frisierten Töfflis und Schnurtelefonen. Sie kennen kein Internet und essen, was die Leute in ihrer Gegend schon immer gegessen haben: Maccaruns mit Apfelmus. Mit ihrer sperrigen Art sind Paul und Georg aber auch Gegenpole zu den Selbstoptimierern und ihren Allmachtsfantasien. Vielleicht kann man dem Trend zur Hybris in der heutigen Gesellschaft nicht anders entgegentreten als Paul und Georg es tun: mit Staunen und dem Bewusstsein, dass die Welt und mit ihr die Menschen von unausweichlichen Naturgesetzen und vom Zufall gesteuert werden. Diesen Kräften fühlen sich die beiden jedenfalls ausgesetzt.

Arno Camenisch lässt seine Bücher gerne mit Untergangsfantasien enden: eine Beerdigung, mit der das Dorf aus dem Sichtfeld verschwindet, ein Sturm mit Rüfen und Murgängen, ein Totentanz. Auch Der letzte Schnee endet mit dem Tod. Dieses Mal kommt er allerdings nicht spektakulär daher, sondern langsam und melancholisch. Als ihr Skilift, «die gute Seele», abliegt, sind Paul und Georg ratlos und kommen sich vor wie zwei Narren: Was hat der Herrgott im Himmel ihnen für ein komisches Los zugeteilt, was hat er sich für ein Drehbuch ausgedacht? «Das ist afängs eine triste Sache», stellen sie fest, und «sobald man wieder aufsteht, kommt der nächste Schlag». Paul und Georg stehen vor ihrem Hüttli, rauchen eine Zigarette und schauen zu, wie der Nebel heraufzieht und das Tal allmählich im Nebel verschwindet. «Der Tod kuriert uns vom Leben», sagt Georg.

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