Der Blick nach rechts

Tobias Lambrecht über Eine andere Geschichte von Charles Lewinsky und Die Schrecken der anderen von Martina Clavadetscher

Zwei aktuelle Schweizer Romane beschäftigen sich mit den Nachwirkungen des Dritten Reichs – auf sehr unterschiedliche Weise.

Die Schrecken der anderen

Eine winterliche Provinzlandschaft mit See, eine zufällig im Eis entdeckte Leiche, ein zögerlicher Archivar, der die Ermittlung übernimmt – Martina Clavadetschers Roman Die Schrecken der anderen macht kein Geheimnis daraus, eine spannende Geschichte in der Tradition Friedrich Dürrenmatts erzählen zu wollen. Spätestens als eine ältere Dame mit bewegter Vergangenheit und offenen Rechnungen auftaucht, sind die letzten Zweifel zerstreut: Das Provinznest Ödwil ist irgendwie auch Dürrenmatts Durcheinandertal, die «Alte» ist irgendwie auch Claire Zachanassian. Und dass die gefundene Leiche McGuffin heisst, stellt die Erzählkonstruktion beinahe provokativ als solche aus: Ein MacGuffin ist ein Erzählelement, dessen einzige Funktion darin besteht, einen Plot voranzutreiben. 

Als reine Hommage an Dürrenmatt hätte Clavadetschers Text wenig Reiz, auch wenn es sich ‹bloss› um einen flott erzählten Krimi handelte. Aber: «das hier ist kein Krimi» (88), stellt die «Alte» bald fest. Vom Fund der Leiche ausgehend wird das Ödwiler Spielfeld konturiert: Auf der einen Seite die Verbündung des eigenbrötlerischen Archivaren Schibig mit der «Alten». Diese zunächst als verhutzelt eingeführte Figur weist immer einen Wissensvorsprung auf und verwickelt Schibig in die Lösung des McGuffin-Falles. Auf der anderen Seite die bürgerlichen Kleindramen um einen Herrn Kern und seine Mutter, die als pflegebedürftige Mumie über den Kern’schen Haushalt herrscht wie über das Bates Motel aus Hitchcocks Psycho: «In der Vorkammer zu ihrem Schlafzimmer fällt das Licht auf eine Vitrine mit Tierpräparaten. Da ist ein Hermelin, eine Kobra, eine Schneeeule mit ausgebreiteten Schwingen, zu deren Füßen liegt sogar ein Krokodilschädel, daneben ein zweites Skelett mit kurzen Beingliedern […]» (56f.). Eine zweite Alte, die sich als eigentliche Gegenspielerin der ersten entpuppt, unverwüstlich rechte Parolen kräht («Betrug am eigenen Blut») und von ihrem zeugungsunfähigen Sohn Kern pausenlos einen «Stammhalter» fordert. 

Durch die vielen als solche ausgestellten Erzählkniffe ächzt der Text stellenweise etwas unter seiner Konstruiertheit. Die Figuren bleiben dem Konzept untergeordnet und geraten dadurch teils scherenschnittartig – kauzig, aber in berechneter Weise. Der mit trockenem Witz erzählte Roman erschöpft sich aber nicht in seiner Konstruktion. Im Ermittlermodus entfaltet der Text sein Anliegen: Ausgehend von dem anfänglichen provinziellen Mief um Fremdgehen, Dorfjugendgewalt und Geldschiebereien auf Gemeinde-Ebene wird die Erzählung ins Politische gewendet. Ermittlungsziel der Alten ist nicht der Todesfall, sondern ein Netzwerk, das unter dem Deckmantel schweizerischer Bürgerlichkeit u. a. rechtsradikale Jugendliche mit alten Nazi-Geldern finanziert. Der Text greift hier auf konkrete Ereignisse zurück: Nazi-Gold, Aktionen rechtsextremer Gruppierungen in der Schweiz, die Finanzflüsse rechter Akteure zur Destabilisierung der Demokratie. Auch in jüngerer Vergangenheit wurden solche Dinge öffentlich, ohne dass sie allzu grosse Wellen geschlagen hätten. Was trägt der Roman also bei? Genau bei diesem erschlafften Schulterzucken wird Die Schrecken der anderen aktiv. Da die Fakten nicht mehr irritieren, wird Widerständigkeit sprachlich punktuell durch einen somnambulen Taumel erzeugt. Diese Passagen sind die heimlichen Höhepunkte der Lektüre. Der Roman führt dies mit Elementen aus alten und neuen Sagenwelten eng – halb-erfundene Regionalmythen, Anspielungen an Star Wars und an Fantasywelten martialischer Computerspiele. In und um Ödwil wimmelt es von Geschichten, die sich für nationalistische Zwecke bestens vereinnahmen lassen.

Das ist nun keine rein schweizerische Eigenart, aber Die Schrecken der anderen verwendet viel Sorgfalt darauf, spürbar zu machen, in welchem Ausmass schablonenhaft eingesetzte Gründungsgeschichten das politische Selbstverständnis hierzulande bis heute bestimmen – und welche aktuellen Vorgänge dabei unter den Teppich gekehrt werden. Besonders die klar rechtspolitisch positionierten Figuren werden mit Mythen in Bezug gesetzt, die ein ausgeprägt manichäisches Weltbild vertreten – Gut gegen Böse, Licht gegen Dunkel, Wir gegen Die Anderen. Es gibt im Text aber auch eine ganz andere Mythentradition, verworren und widersprüchlich, ohne direkte Moralschlüsse. Diese Mythen beinhalten Bedeutungsangebote, die aktive Arbeit an den Erzählungen voraussetzen. Eine tiefere Lektüre lohnt sich also – vor allem liegt hier aber einfach ein kurzweiliger, klug gemachter und kluger Text vor, der den Blick nüchtern auf politische Zustände und geschichtliche Machthierarchien lenkt, von denen in der schweizerischen Selbsterzählung gern abgesehen wird.

Eine andere Geschichte

Mit Charles Lewinskys Eine andere Geschichte liegt ein weiterer aktueller Roman vor, an dem sich beobachten lässt, wie die Gegenwartsliteratur mit den Schrecken der Nazi-Zeit arbeitet. Der Text geht sehr lax von einer wahren Begebenheit aus: Lewinskys Grossmutter wurde, so das Vorwort, in den 1930er Jahren von einem entfernten Verwandten aus Amerika, dem historisch verbuchten Filmproduzenten Curtis Melnitz, besucht: «Verschwindet aus Deutschland», meint dieser, «hier wird es für Juden ganz schlimm.» Melnitz ist auch der Titel von Lewinskys Erfolgsroman aus dem Jahr 2006, doch im Vorwort werden wir versichert: «Herr Melnitz ließ mir keine Ruhe, und so habe ich – sieben Jahrzehnte nachdem ich zum ersten Mal von ihm gehört habe – sein Leben erfunden. Mit dem Onkel Melnitz aus dem gleichnamigen Roman hat dieses Buch nichts zu tun» (7f.).

Zum Erzählzeitpunkt, ca. 1959, ist dieser Melnitz in hohem Alter, ihn plagt Schlaflosigkeit. Widerwillig sucht er einen Psychiater auf. Was folgt, sind therapeutische Monologe, in denen er sein Leben erzählt. In humoristischer Manier wird uns Melnitz als bissiger, aber charmanter Grantler vorgestellt. Seine Lebenserzählung entwickelt sich entlang oft erprobter Muster: früh Waisenkind, dann Auswanderung in die USA, Kleinkriminalität im zwielichtigen New York, schliesslich dem Ruf der aufblühenden Filmindustrie im Westen folgend. Das ist reichlich Stoff für eine mitreissende Geschichte über jüdische Diaspora (Melnitz wandert bereits vor dem Ersten Weltkrieg aus), über die Anfänge Hollywoods, über die zwischenzeitliche Rückkehr ins Nazi-Deutschland der 1930er Jahre als amerikanisch-jüdischer Filmproduzent. Dabei wird Melnitz’ Leben zum Glück nicht cineastisch überhöht, es setzt sich aus Alltagsniederungen, Klatsch, kleinen und mittelgrossen Rückschlägen zusammen – der Protagonist wurstelt sich durch, die Karriere als Unterhaltungsmann des Films immer am Horizont. Aber wer Melnitz lauscht, bekommt das Gefühl, das alles schon einmal so oder ähnlich gehört zu haben, als ob er nicht von sich, sondern von angelesenen Anekdoten erzählte. Über Melnitz’ zentrales Thema – Filmklatsch und -geschichte – hat der Text wenig zu sagen, wenig Erfundenes, wenig Geschichtliches. Charlie Chaplins Name fällt ab und zu: «Den Rummel können Sie sich nicht vorstellen. Und ich immer mittendrin, als sein Übersetzer und offizieller Vertreter von United Artists. Der Chaplin war übrigens ein richtig netter Mensch» (366). Soll so Melnitz’ Unbedarftheit, sein Egoismus, akzentuiert werden? Reizvoller ist da die Erinnerung an inzwischen weniger bekannte Namen wie Peg Entwistle, aber über sie erfährt man ausser über ihren symbolisch aufgeladenen Suizid (Entwistle stürzte sich vom H des Hollywood-Signs) eigentlich nichts, es bleibt bei der blossen Erwähnung dieser Old-Hollywood-Anekdote. Anschaulichkeit und der Reiz geschichtlicher Details werden hier durch Namedropping ersetzt. Eine wirklich zeittypische Atmosphäre, die die episodischen Erlebnisse greifbar oder anschaulich macht, bleibt wegen der fehlenden Konkretheit und sprachlichen Gestaltung aus.

Für die Figur zeittypisch ist vielleicht die Tatsache, dass Melnitz eine beeindruckende Menge von Herrenwitzen aneinanderreiht, deren Reiz sich ohne weitere literarische Rahmung nicht erschliesst. Rein technisch sitzen die Pointen zwar oft («Sic transit Gloria Swanson»), doch sie folgen einem Gestus, den man mit «Hach, die Weiber!» zusammenfassen kann: «Passen Sie auf, ich erkläre es Ihnen anders. Selma war zuerst schüchtern, dann niedlich, dann sexy. Nicht schön, das ist etwas anderes. Grace Kelly ist schön, aber feuchte Träume hat ihretwegen niemand» (68) oder «Nichts ist besser für eine Männerfreundschaft als gemeinsame Stunden im Puff» (203) sind typische Witze, die nicht konterkariert oder gerahmt werden – sie bleiben schmunzelhafte Zoten, über die gelacht werden soll; Melnitz bleibt für den Text der – wenn auch natürlich fehlbare – Sympathieträger. In einem Roman, der sich auch mit der Traumerzählungmaschinerie Hollywood auseinandersetzt, wirkt das seltsam kurz gedacht. Die Erzählanlage – ein 80-jähriger Autor imaginiert einen Erzähler, der vor beinahe 80 Jahren über sein wiederum 80 Jahre langes Leben nachdenkt – ergibt eine mehrfach geschichtete Nostalgie, die nicht hinterfragt wird. Sehr deutlich wird das am Schluss: Über 400 Seiten deutet Melnitz immer wieder eine traumatische Erfahrung an, deren Natur uns beim Lesen zu keinem Zeitpunkt vor ein Rätsel stellt (zum Erzählzeitpunkt ist der Zweite Weltkrieg ca. 15 Jahre her): Melnitz wird zu Kriegsende mit weit über 60 wegen seiner deutschen Sprachkenntnisse von den Alliierten als Übersetzer aufgeboten und erlebt so die Befreiung von Auschwitz mit, wovon er sich verständlicherweise nicht erholt. Seine Auswanderer-Schwanks werden dramaturgisch vom grauenhaften Leid der Schoah eingeholt – auf den letzten dreieinhalb Romanseiten. Dabei wird auf einen Effekt des Entsetzens gesetzt, der mit dem Vorangegangenen nicht in Einklang gebracht werden kann. Während Clavadetschers Roman mit dem Effekt zunehmender Beklemmung zeigt, wie Geld- und Machtverhältnisse aus dem Zweiten Weltkrieg in unsere gelebte Gegenwart ganz konkret hineinragen, bedient sich die literarische Gegenwart hier thematisch beim Holocaust, um launig erzählte Anekdoten als Trauma-Erzählung aufzuwerten. 

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